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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens re.
Wendung jenes Satzes der Allgemeinen Bestimmungen hätte also schon aus das
führen müssen, was der neue Erlaß fordert.
Während die Allgemeinen Bestimmungen forderten: „Das Lesebuch hat sich
von religiösen Tendenzen frei zu halten," geht der neue Erlaß weiter. Es soll
zwar auch jetzt alles, was den Forderungen der Duldsamkeit nicht entspricht, oder
was an Bekenntnisstreitigkeiten erinnern könnte, fern gehalten werden; doch wird
auch etwas Positives gesagt! Es soll durch das Lesebuch ein Zug religiöser
Wärme hindurchgehen. Man könnte denken, die Fürsorge für den konfessionellen
Frieden gehe etwas weit. Aber diese Fassung wird durch bestimmte Vorkommnisse
begründet sein. Wichtiger würde es uns sein, die Rücksichtnahme auf die religiöse
Erziehung mit der Forderung der Berücksichtigung der örtlichen Eigenart in
Verbindung gesetzt zu sehen, was allerdings im Wortlaut des Erlasses nicht liegt.
Hier sind nicht minder Eigentümlichkeiten vorhanden wie bei der „Beschäftigung
und Lebensweise der Bevölkerung." Im Osten und im Westen, in konfessionell
gemischten und ungemischten Gegenden hat das kirchlich christliche Leben eine so
verschiedene Ausgestaltung erfahren, daß daraus notwendig Rücksicht genommen
werden muß. — Die weitere Bestimmung, daß Lesestücke, die nach ihrem Inhalt
ausschließlich im Religionsunterricht behandelt werden müsien, nicht in das Lesebuch
aufgenommen werden sollen, dürfte manchem Lesebuch verhängnisvoll werden.
Es wird in der Praxis schwer angängig sein, bei der Abfassung der Lese
bücher auf das Geschlecht der Schüler wie auf die Zahl der Klassen Rücksicht
zu nehmen. Für die einklassigen Schulen, die nur einen Band des Lesebuches
benutzen sollen, dürfte allerdings das Bedürfnis nach einer besonderen Ausgabe
des für die übrigen Schulen eingeführten Lesebuches vorhanden sein.
Nach seinem Inhalt umfaßt das Lesebuch schöngeistigen, wie rea
listischen Stoff. Hier macht sich also aufs deutlichste eine Abweichung bemerkbar
gegen die rein litterarische Auffassung, wie sie z. B. Dörpfeld vertritt. Dieser
Inhalt wird nun nach vier Richtungen gewertet: 1. Für die Charakterbildung,
2. für die litterarisch-ästhetische Bildung, 3. für die Vertiefung und Ergänzung
des im Sachunterricht Gelernten und 4. hinsichtlich der eigentlichen Sprach-
bildung (Muster guter sprachlicher Darstellung). Die Aufeinanderfolge dieser
vier Stücke ist bemerkenswert. Obenan steht die Charakterbildung, es liegt
darin die Anerkennung der Forderung des „erziehenden Unterrichts," der Erzie
hung zur „Charakterstärke der Sittlichkeit." Die Bildung des Charakters wird
zunächst erwartet von dem schöngeistigen Teil des Lesebuches. Damit wird zu
der Richtung Stellung genommen, die die ästhetische Bildung an die Spitze
stellt, der das Ästhetische auch ohne weiteres das Sittliche ist. Im Gegensatz
zu dieser Auffassung geht der Erlaß davon aus, daß die schöne Litteratur nicht
zuerst — wenigstens auf die Jugend — durch ihre Form wirke. Diese Wirkung
kann mittelbar ja auch eine ethische sein — sondern daß die Wirkung durch den
Inhalt, und zwar den sittlichen Gehalt, die wichtigste sei. Aber auch das ist zu
beachten, daß eine Wirkung auf die Charakterbildung von dem realistischen Teil
erwartet wird. Ohne Zweifel ist dabei zunächst an die Abschnitte aus der
Geschichte und der Gesellschaftskunde zu denken.
Ferner wird gefordert, daß das Lesebuch litterarisch-ästhetisch wirke, und
zwar auch durch seinen realistischen Teil. Dem wird entsprochen werden, wenn
die Meister der Form zum Wort kommen, also im ersten Teil nach Möglichkeit
die klassischen Schriftsteller. Hinsichtlich des zweiten Teiles liegt auf der Hand,

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