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Die Theorie des Lesebuches und der Lesebucherlaß.
daß sich die Darstellung von „Plattheiten" fern zu halten hat, daß sie den
„Leitfadenstil" vermeiden muß. Auch die Stücke, die eigens für das Lesebuch
geschrieben sind, sollen sprachliche Musterleistungen sein. Hier soll eine genaue
und unerbittliche Prüfung stattfinden. Der eigentliche Kern der Sache dürfte
aber in etwas anderem liegen. Wie Dörpfeld einmal ausgeführt hat, kann ein
realistischer Stoff in zweifacher Weise dargestellt werden: Erstens nach der streng
sachlichen Seite, und dann nach seiner Wirkung auf das menschliche Gemüt, also
in objektiver und in subjektiver Weise. In dem letzteren Fall steht der Mensch
im Mittelpunkt, die Sache hat dann nur insoweit Bedeutung, als sie Gegenstand
menschlichen Fühlens, Höffens und Wünschens werden kann. So entsteht das
Stimmungsvolle in der Darstellung. Und wenn der Erlaß auch dem realistischen
Teil des Lesebuches eine ästhetische Aufgabe zuweist, so kann dies nur auf die
zuletzt gekennzeichnete Form der Darstellung bezogen werden. Daß die rein
sachliche Behandlung nicht in das Lesebuch gehört, ist offenbar auch allgemein
anerkannt. Die neuesten Versuche auf dem Lesebuchgebiet beweisen das Bestreben
der Verfasser, der subjektiven Darstellungsmeise zu genügen. Aber es will uns
scheinen, als seien wir zwar weit genug gekommen in der Erkenntnis von der
Notwendigkeit einer ästhetischen Formgebung, aber noch recht weit entfernt von
ihrer Verwirklichung. Es wird damit vielfach etwas leicht genommen und nicht
genügend bedacht, daß zu derartigen Arbeiten künstlerische Beanlagung gehört.
Es genügt nicht, einen Gegenstand sachlich zu beherrschen und ihm den Aufputz
des dichterisch Empfundenen zu geben, man muß künstlerisch schauen und erleben,
dann kommt die Darstellung von selbst. Nehmen wir es mit dieser Sache nicht
ernst, so sind wir auf dem besten Wege zu dem trockenen realistischen Lesebuch
von ehedem.
Erst an letzter Stelle wird verlangt, daß das Lesebuch ein Musterbuch
sprachlicher Darstellung sei. Das bezieht sich auf seine Bedeutung für die Sprach-
bildung. Dies Lesebuch ein Sprachbuch! Das war bisher die herrschende Auf
fassung. Man sieht nun aus dem Erlaß, wie die neueren Bemühungen um
Belebung des Schönheitsgefühls durch die Schule an dieser maßgebenden Stelle
auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Die Sprachbildung kann thatsächlich au
letzter Stelle kommen, wenn zuvor für die ästhetische und sachliche Seite das
Rechte geschehen ist. Gewinnt das Kind Verständnis für die Schönheit der
Form, so lernt es erkennen, daß der sprachliche Ausdruck nichts Zufälliges
ist, das so und auch anders sein könnte, sondern etwas Notwendiges, daß nur
so und nicht anders bestimmte Gedanken und Gefühle, ein bestimmtes Erleben
ausgedrückt werden kann. Und was das zuvor erwähnte sachliche Moment an
geht, so brauchen wir nur auf die Dörpfeldsche Forderung hinzuweisen: „Grund
lage des Sprachunterrichts in der Volksschule sind das Lesebuch und die sach-
unter richtlichen Fächer." So muß schon durch Erfassen des Ästhetischen
wie des Sachlichen für die Sprachbildung das Wesentlichste geschehen sein.
Der Erlaß fordert für das Lesebuch eine Auffrischung des Blutes. „Manche
der Bücher führen einen beträchtlichen Ballast veralteter Stoffe mit sich, was in
der starken Abhängigkeit von gemeinsamen älteren Quellen und in dem Mangel
an eigenem Forschen nach geeigneten Lesestücken seinen Grund hat;" es sollen in
Zukunft auch die Schriftsteller „der neuesten litterarischen Entwicklung" berück
sichtigt werden. Diese Forderung ist in hohem Maße angebracht. Wir finden
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