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II. Abteilung Zur Geschichte des Schulwesens rc.
dieselbe Klage über die Rückständigkeit der Lesebücher in einem Buche/) das aus
dem Reichtum der neueren Lyrik eine gute Auswahl gerade mit Rücksicht auf
kindliches Bedürfnis und Verständnis getroffen hat. Dort heißt es: „Es erben
sich nicht nur Gesetz und Rechte, sondern auch Gedichte, sogenannte Gedichte, wie
eine ewige Krankheit fort. Ein Lehrbuch macht's dem andern nach. Wo man
aber auch neuere Dichter berücksichtigen will, da wird zumeist mit sicherm, aber
schlechtem Griff ein Sturm statt eines Storm, eine Ambrosius statt einer Annette
von Droste-Hülshoff gewählt."
Es wird weiter gefordert, daß die Umarbeitung und Verbesserung der Lese
bücher sprungweise erfolgt. Verfasser und Verleger sollen auf der Wacht sein,
daß „wirklich bessere Neuerscheinungen stets vollste Beachtung und Berücksichtigung"
finden. Aber sie sollen ihre Kraft nicht in fortlaufender Herbeiführung kleiner
Verbesserungen erschöpfen, sondern nach längerer Zeit des Suchens und Sammelns
aus allen einschlägigen Gebieten der Litteratur „einen jedesmal bedeutenden
Fortschritt" bewirken. Praktische Rücksichten rechtfertigen diese Forderung voll
kommen. Unsere oben angestellten Erörterungen über die Theorie des Lesebuches
aber legen den Wunsch nahe, es möchte die vor uns liegende Zeit der Ruhe
dazu benutzt werden, kräftig mitzuarbeiten, daß die Frage des Reallesebuches
theoretisch und praktisch gelöst werde, daß wir zu einem reinen ungefälschten
Lesebuchprincip kommen und vor allem, daß das Verständnis für das Litterarisch-
Ästhetische besonders in der Lehrerwelt gefördert und das Verlangen nach dem
Besten geweckt werde. A ch i n g e r.
Rundschau.
Empfindliches Standesbcwufitsein. Man sagt dem Volksschullehrer
stande nach, daß er im Punkte seiner Standesehre etwas arg empfindlich sei.
Wir dürfen wohl die Einschränkung machen, daß dieser Vorwurf doch nicht den
ganzen Stand trifft, aber wohl eine verhältnismäßig große Zahl von Lehrern. Wenn
in irgend einem neu erschienenen Romane, einer Novelle oder einem Theater
stücke ein Lehrer vorkommt, der eine unwürdige Rolle spielt, so sind gewöhnlich
gleich einige pädagogische Blätter dahinter her, die daraus eine Beleidigung des
Lehrerstandes konstruieren, dem Verfasser allerlei Liebenswürdigkeit an den Kopf
werfen und wohl gar noch die Zeitschrift in Acht und Bann erklären, die es ge
wagt hat, ein so „elendes Machwerk" abzudrucken. Ich habe diese Aufregung
nie recht verstehen können, obwohl mir die Ehre unsers Standes gewiß ebenso
am Herzen liegt wie jedem anderen. In jedem Stande giebt es schlechte, beschränkte
Personen, Personen, die sich univürdig, kläglich oder lächerlich betragen, und es
wird niemand einfallen, zu behaupten, daß die Lehrerschaft in diesem Punkte eine
Ausnahme bilde! Jeder Stand hat ferner seine besonderen Eigentümlichkeiten und
Eigenheiten, die, etwas übertrieben, ins Lächerliche fallen. So bilden sich leicht
gewisse Standestypen, der Typus des Kommerzienrats, des Junkers, des Leut
nants, des „Schulmeisters", des Advokaten u. s. w, die bekanntlich in unsern
Witzblättern zu stehenden Figuren geworden sind.
^ „Vom ßoIhnen Überfluß/' Eine Auswahl aus neuern deutschen Dichtern.
Verl. v. Voigtländer in Leipzig. Eine vortreffliche und sehr billige Sammlung. (268
Seiten — für 1,60 M.).

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