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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
im fünftender Prophetismus, im 6. u. 7. das Leben Jesu, im achten die Apostelgeschichte.
Auf die Schwierigkeiten einer Behandlung der Propheten im fünften Schuljahre hat
schon Dr. von Rohden im zehnten Heft des vorletzten Jahrgangs dieser Zeitschrift hin
gewiesen. Ich trete seinen Bedenken auf Grund langjähriger Erfahrungen, die ich
besonders in ländlichen Bolksschulen machte, durchaus bei, ja ich behaupte, daß das
Bild des Heilandes auch ohne genauere Betrachtung des Prophetismus, „Jungen wie
Alten wirkungsvoll „vor die Augen gemalt" werden kann. Eins ist gewiß, daß der
große Heidenapostel bei den Juden zwar an Israels Hoffnungen anknüpfte, um Jesus
von Nazareth als den verheißenen Messias zu verkünden, daß er aber den Heiden
gegenüber einen ganz anderen Weg einschlug. Schließlich muß man doch zugeben, daß
das rechte Verständnis des Heilandes nicht von dem der Propheten abhängt, sondern
umgekehrt. Wir freuen uns aufrichtig, daß man auch unseren Volksschulen jene gewaltigen,
bisher in den Lehrplänen ganz bei Seite geschobenen, Männer nahe bringt, aber das
wissenschaftlich-theologische Interesse, die Person und das Auftreten Jesu aus religions
geschichtlichen Voraussetzungen verständlich zu machen, wobei doch immer die Hauptsache
als unerklärter Rest bleibt, ist mit pädagogischen Grundsätzen nicht zu vermischen. Was
sollten auch sonst unsere einfachen Schulen (cinklassige und Halbtagsschulen) anfangen,
um jener vorhin skizzierten Pensenverteilung Meitzers nachzukommen? Doch sehen wir
uns das zu besprechende Alttestamentliche Lesebuch etwas genauer an. Es beschränkt
sich auf das wirklich Nötige, d. h. religionsgeschichtlich Bedeutungsvolle, verwertet dank
bar und vorsichtig die sicheren Ergebnisse der Wissenschaft und opfert wo es nötig, die
Sprache Luthers dem höherstehenden Urtexte. Der Prophetismus ist besonders berücksichtigt,
die poetischen Stücke sind entsprechend wiedergegeben, die schönsten Psalmen sind da ge
schichtlich eingereiht, wo sie eine passende Situation finden. Die Urgeschichte ist auf
weniges beschränkt, wobei die für die ersten Schuljahre zu schwere Schöpfungsgeschichte
an Psalm acht angeschlossen ist.
Rezensent stimmt zwar mit diesen Grundsätzen im allgemeinen überein, hat aber
bezüglich der Durchführung im einzelnen eine ganze Reihe von Bedenken. Das Lesebuch
beginnt mit Abraham, in einem letzten Abschnitt wird unter der Überschrift „jüdische
Frömmigkeit nach Psalm 103 und 8 die Erschaffung des Menschen (Gen. 2,5 — 8 und
18—24), darnach die Schöpfung der Welt (Gen. 1) erzählt, vom Paradies, Sündenfall,
Kain und Abel, der Sündflut steht nichts da. Hätte der Verfasser ein „Lesebuch israelitischer
Geschichte" herausgegeben, so hätte er gewiß ruhig mit Abraham die „Vorgeschichte
Israels" beginnen können. Der Herausgeber wäre es seinen Lesern schuldig gewesen,
seine Stellung zu jenen Stücken offen darzulegen. Bezüglich des Sündenfalles thut er
es mit der gelegentlichen Bemerkung, daß das Verbot, vom Baum des Lebens zu essen,
daß nicht Adam werde wie unser einer, immer schwierig und mißlich bleibe. Wir geben
das ohne weiteres zu, folgern aber nur daraus, daß aus pädagogischen Gründen diese
Bemerkung, die offenbar zu der Grundform der Erzählung nicht gehört, wegfallen muß.
Die mythologischen Elemente der Urgeschichte (in Gen. 6 kann sie niemand leugnen)
rechtfertigen in keiner Weise die Weglassung jener Abschnitte, ganz davon zu schweigen, daß
es an neutestamentlichen Beziehungen nicht fehlt. Wir wüßten keine biblische Erzählung
zu nennen, in der das Wesen, die Macht und Strafe der Sünde so tief, lebendig und
anschaulich vor die Augen auch der Kinder träte wie gerade hier, und darum allein kann
es sich doch handeln. Wiederum wie psychologisch wahr und ergreifend der erste Bruder
mord, vom Neid und Grimm zum bösen Wort und dann zur entsetzlichen That. Die
Frage, wann diese Stoffe zu behandeln sind, ist von der, ob sie überhaupt im alt-
testamentlichen Religionsunterricht vorkommen müssen, natürlich streng zu scheiden.
Sonst ist in dem Buche viel unnötiger Ballast über Bord geworfen, Jakobs Auf
enthalt bei Laban, die ägyptischen Plagen mit Ausnahme der letzten, die Rotte Korah,
die Stiftshütte, der Kampf mit Amalek, Moses angebliche Versündigung, der wunderbare
Jordanübergang, Jerichos Eroberung, Achans Diebstahl, die stillstehende Sonne, die
Verringerung des Heeres des Gideon auf 300, Jephtha, Simson, die Zählung des
Volkes durch David, Elisa, Esther, Daniel u. a. m. Dafür ist eine reiche Auswahl
aus den Propheten Amos, Jesaja, Jeremia, Deuterojesaja gegeben, dazwischen die Ge
schichte der Kultusreform unter Josia, auch eine ganze Reihe von Psalmen ist an paffender
Stelle eingeschoben. Hiervon erscheint uns die Kultusreform unter Josia >.die 3 Abschnitte
umfaßt) entbehrlich, so bedeutungsvoll sie auch für die wissenschaftliche oder religions
geschichtliche Betrachtung des Alten Testaments ist. — In einem letzten Abschnitt, die
nachexilische Zeit, erzählt das Lesebuch von der Heimkehr, Enttäuschung und der dar-

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