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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
Zwei Bücher für die Jugend.
Märchen für die deutsche Jugend. Zusammengestellt und herausgegeben vom Kölner
Jugendschriften-Ausschutz. Bilder von Fr. Stassen, B- Wenig, M Dasio, G. A.
Strödel u. a. Berlin, Fischer und Franke. 208 Seiten. 2 M.
Die Bände des Jungbrunnens aus dem Verlag von Fischer und Franke haben sich
größtenteils sehr vorteilhaft eingeführt, und es war kein übler Gedanke, aus der Samm-
lung eine Auswahl von Märchen für die Jugend zusammenzustellen.
Die beiden Erzählungen von Rübezahl (nach Musäus) sind gut, und die Bilder von
Strödel, die das Wesentliche so klar hervorheben, die so einfach in der Linienführung
und vor allen Dingen so auf den ersten Blick verständlich sind, können geradezu als
vorzüglich bezeichnet werden.
Andersens Märchen vom Schweinehirten ist im Ausdruck zu modern - geziert,
überhaupt nicht naiv genug: zu wenig Natur, zuviel Absichtlichkeit. Aber das ist ein
Fehler, der bei Andersen nicht allzu selten ist.
Von Bechstein sind die sieben Schwaben und der Bärenhäuter aufgenommen. Sie
stehen den Grimmschen Märchen kaum nach und sind von Franz Stassen vortrefflich
illustriert. Neben den Strödelschen Bildern zählen die hier in Betracht kommenden zu
den besten im ganzen Buche, obgleich sie nicht alle dieselbe Schlichtheit zeigen wie jene.
Die meisten Märchen sind mit Recht der Grimmschen Sammlung entnommen. Die
beigegebenen Bilder sind nicht gleichwertig, denn der richtige Grundsatz der einfach-kräftigen
Darstellung ist hier und da ins Manierierte ausgeartet, aber in der Mehrzahl sind
sie gut.
Da auch die Ausstattung in jeder Hinsicht zu rühmen und der Preis verhältnis
mäßig niedrig ist, kann das Buch als Jugendlektüre sehr empfolen werden.
Liliencrons Gedichte. Auswahl für die Jugend. Zusammengestellt von der Lehrer
vereinigung zur Pflege der künstlerischen Bildung in Hamburg. Berlin und Leipzig,
Schuster und Loeffler. 1901. 73 S.
Ein Bändchen Lyrik für die Jugend. Es ist ein altes Vorurteil, daß die Jugend
für Lyrik nicht recht empfänglich sei. Dem Epischen bringt sie mehr Interesse ent
gegen, gewiß, aber — Hand aufs Herz! — ist das denn bei dem Erwachsenen so wesent
lich anders? Gute Lyrik ist überhaupt mehr als andere Poesie, etwas für Stunden,
wo das Herz höher schlägt, und wo es reiner und stärker fühlt als sonst. Und darf
man denn überhaupt gleich von mangelnder Empfänglichkeit reden, wenn man das
Interesse nicht immer vorfindet, das man wohl wünschen möchte? Da können auch
andere Ursachen vorliegen, und sie liegen in der Regel vor.
Dieses Büchleins dürfen wir uns wirklich freuen. Es enthält sorgfältig aus
gewählte poetische Gaben von einem unserer bedeutendsten Dichter, denn ein bedeutender
Dichter ist Liliencron, mag man auch über Einzelheiten in seinen Dichtungen denken wie
man will.
Da sind zunächst die Gedichte, denen Erinnerungen an die Feldzüge zu Grunde liegen.
So gestaltet einer, der eine große Zeit nicht bloß äußerlich durchlebt, sondern auch
innerlich erlebt hat. Zu den besten zähle ich: Tod in Ähren, In Erinnerung,
Siegesfest.
Die Gedichte erzählenden Inhalts bieten der Jugend allerdings durchgängig sehr
viel Schwierigkeiten: einfacher sind dagegen wieder die prächtigen Stimmungsbilder aus
Feld und Heide.
Der Schlußabschnitt bringt Stimmen aus dem Menschenleben — von der Wiege
bis zur Bahre, und es sind Perlen unserer Lyrik darunter. Nur drei seien erwähnt:
Meiner Mutter, Schwalbensiciliane, Vergiß die Mühle nicht. Bei einem Gedicht habe
ich allerdings Bedenken. —
Daß das Buch auch für den Erwachsenen seinen Wert behält, braucht wohl kaum
noch besonders hervorgehoben werden, zu
Mülheim a. d. Ruhr. Heinrich Möhn..
Verantwortlicher Schriftleiter G. von Rohden in Düsseldorf-Derendorf.

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