Zur Frage des deutschen Geschichtsunterrichts. 405
Deutschland, der weder Fisch noch Fleisch war, der weder Hand noch Fuß hatte,
der zu schwach war, um zu leben, und zu stark, um zu sterben! Nahm man
doch das Wort gar nicht gern in den Mund, weil es den Aussprecher leicht
politisch in Mißgeruch bringen konnte! Und wenn sich Dichter, wie Schnecken
burger, für ein Deutschland, für die deutsche Wacht am Rhein begeisterten, so
hatten sie dabei gar nicht ihr zeitgenössisches, schwächliches und kränkliches
Deutschland, sondern ein zukünftiges, starkes, geeintes und einiges Deutschland,
ein Groß- und Ganzdeutschland vor Augen! Begeisterte sich ja doch ein Herwegh
für das „große Zukunftsvolk der Erde" und mahnte: „Erwach, mein Volk,
du sollst die Welt gewinnen! . . . Zieh mutig in die Welt hinaus, daß sie
dein Eigen werde. Du bist der Hirt der großen Völkerherde, du bist das große
Zukunftsvolk der Erde. Drum wirf den Anker aus!"
Es ist deswegen ganz natürlich, daß seit der Einigung Deutschlands auch
die Bewegung, in der deutschen Volksschule vorwiegend deutsche Geschichte zu
treiben, an Tiefe und Ausdehnung gewann und gewinnen mußte. Ja, es wäre
nur die natürliche Folgerichtigkeit der Thatsachen gewesen, wenn man sofort nach
dem Kaisertage in Versailles verlangt hätte: Fortan hinweg mit der Alten und
Auslandsgeschichte! Für die deutsche Schule ist nur die deutsche Geschichte
bildend und gut genug; denn nur die deutsche Geschichte kann die Jugend zu
deutscher Gesinnung, Art und Sitte hinleiten.
Es wäre ganz natürlich erschienen, wenn man nicht bloß deutsche Geschichte
gefordert hätte für die deutsche Volksschule, nein, wenn man sogar bloß die
neuere deutsche Geschichte, seitdem sie unverkennbar auf die „volle" Einigung vom
Jahre 1871 hinzielte, als allein der Behandlung für wert erachtet hätte. Jeder
Unbefangene wird und muß Fritz Bley beistimmen, wenn dieser in seiner Schrift:
„Die Weltstellung des Deutschtums" schreibt: „Nun erst, da wir durch Bismarcks
straffe Schule gegangen, gelernt haben, das Recht des Ichs als einer völkischen
Gattung zu fassen, nun erst, da die Welt mit Erstaunen und furchtgemischtem
Zorne das daseinsfreudige Sichaufrasfen des deutschen Geistes bemerkt, nun
erst beginnt die Geschichte des deutschen Volkes als solchen!"
Aus diesem Grunde ist es geradezu thöricht, wenn viele Geschichtslehrer
fordern, daß der deutsche Geschichtsunterricht mit der Einigung Deutschlands im
Jahre 1871 aufhören solle. Nein, diese Einigung war nur der Anfang, sie ist
noch lange nicht, wie man in allen Geschichtsbüchern lesen kann, die „volle", die
letzte, denn selbst ein Kaiser Wilhelm H. hat am 18. Januar 1896, dem
Gedenktage zur Wiedererrichtung des Reiches, die neue Einigungsaufgabe, welche
unserer Thatkraft noch harrt, folgendermaßen gekennzeichnet: „Aus dem deutschen
Reiche ist ein Weltreich geworden. Überall in fernen Teilen der Erde
wohnen Tausende unserer Landsleute. Deutsche Güter, deutsches Wissen, deutsche
Betriebsamkeit gehen über den Ozean. Nach Tausenden von Millionen beziffern

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