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I. Abteilung. Abhandlungen.
sich die Werte, die Deutschland auf der See fahren hat. An Sie, meine Herren,
tritt die ernste Pflicht heran, mir zu helfen, dieses größere deutsche Reich
auch fest an unser heimisches zu gliedern". Dieser Grundgedanke ist auch von
Graf Bülow vor dem Reichstage amtlich verkündet und somit zur Richtschnur
der deutschen Politik, zum roten Faden der neuen deutschen Geschichte gemacht
worden. Bülow sagte 1899 in den Dezemberverhandlungen: „Wir können
nicht unthätig beiseite stehen, weil wir jetzt Interessen in allen Weltteilen haben.
Die rapide Zunahme unserer Bevölkerung, der beispiellose Aufschwung unserer
Industrie, die Tüchtigkeit unserer Kaufleute, kurz die gewaltige Vitalität des
deutschen Volkes haben uns in die Weltwirtschaft verflochten und in die
Weltpolitik hineingezogen. Wenn die Engländer von einer Greater Britain
reden, wenn die Franzosen von einer Nouvelle France sprechen, wenn die
Russen sich Asien erschließen, haben auch wir Anspruch auf ein größeres
Deutschland, nicht im Sinne der Eroberung, wohl aber im Sinne der friedlichen
Ausdehnung unseres Handels und seiner Stützpunkte".
Welch eine Wendung hat sich in der Welt seit 1870 vollzogen! Damals
handelte es sich nicht um Napoleons Sturz allein, sondern darum, ob Deutsch
land ein bloßer erdkundlicher Begriff bleiben sollte oder nicht, ob das deutsche
Volk das vielbespöttelte politisch und wirtschaftlich unpraktische, unfähige, in häß
licher Kirchtums- und Parteipolitik, sowie in unfruchtbaren Lehrstreitigkeiten sick
verzehrende Volk der Denker und Dichter bleiben sollte oder nicht, ob Deutschland
ein gleichberechtigter Staat unter den Staaten, eine Großmacht unter den Groß
mächten Europas werden sollte oder nicht. Bismarck hat Deutschland in den
Sattel gehoben, hat ihm das politische Dasein und Ansehen, sowie die Möglichkeit
zu weiterer gedeihlicher Entwicklung verschafft, hat Deutschland aus der tiefen
politischen Ohnmacht, in die es die Wirren des 17. und 18. Jahrhunderts ver
senkt hatten, herausgerissen zu einer europäischen und festländischen Macht ersten
Ranges. Mit diesem Jahre beginnt die eigentliche deutsche Politik, sowie das
neue deutsche Volkstum, das das einzelstaatliche Sondertum nicht mehr überwuchern
läßt. Das deutsche Erbgut an Edel- und Hochsinn, Kraft, Leistungsfähigkeit,
Entwicklungstrieb u. s. w. kann aber nur bestehen und weiterwachsen, wenn auch
die Schale, das deutsche Volkstum, die deutsche Eigenart, die völkische Gesinnung
erhalten bleibt. Während das 18. Jahrhundert durch seine zahlreichen Kämpfe
die Geistesfreiheit des Einzelnen, sowie die allgemeinen Menschenrechte zu erringen
und zu sichern suchte, stand das 19. Jahrhundert unter dem Zeichen des völkischen
Gedankens, des Zusammenschlusses und der zunehmenden Befestigung der Volk
heiten zu mächtigen Volksstaaten. Nicht in der Menschheit als solcher, sondern
allein in den Volkheiten liegen sowohl die Keime, Anlagen und Fähigkeiten,
als auch die inneren Triebmächte zur weitern Entwicklung.
Jemehr die Geschichte und Staatskunst eines Volkes diesem natürlichen

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