Zur Frage des deutschen Geschichtsunterrichts.
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Grundgesetze gemäß gelenkt wird, desto erfolgreicher und zielsichrer wird und muß
sie sein. Es war leider von jeher der große und verderbenzeugende Denk
fehler der Deutschen, dieses geschichtlich-politische Naturgesetz zu mißkennen und
zu mißachten. Noch jetzt ist ein namhafter Teil unseres Volkes nicht aus dem
Banne des weltbürgerlichen Gedankenkreises, der das 18. Jahrhundert beherrschte,
befreit; noch jetzt ist dieser Teil oft unfähig zu gesundem, folgerichtigem völkischem
Denken und Handeln; noch jetzt ist er vielfach gerade in den wichtigsten und
folgenschwersten Dingen dem Hange zu weltbürgerlichen Wahngebilden und Denk-
und Willensverkehrtheiten verschrieben, hat noch nicht die gewaltige Lehre der
Geschichte für Gegenwart und Zukunft gezogen und glaubt mit seinen Vor
urteilen und Vormeinungen den Gang der Weltgeschichte meistern zu können.
Dieser Mangel an staatssinnigem Denken, Willen und Handeln gerade an den
entscheidenden Wendepunkten der deutschen Geschichte, welche ja niemals bloß mit
dem Schwerte auf deutschen Boden allein, sondern ebenso gut in Paris, Peters
burg, Rom, und namentlich, was man in unserm Schulunterrichte gar nicht
betont, in London mit der Feder und dem Kopfe, mit einem thatkräftigen und
zielbewußten Willen gemacht wurde, hat den Zusammenschluß Deutschlands so
oft verhindert und uns so oft und tief geschadet. Darum ist es von so unend
licher Bedeutung, daß uns durch Bismarcks Staatskunst und Eisenthat nicht bloß
die Wiedererrichtung des Reiches gebracht, sondern auch eine andere Wertschätzung
und Anschauungsweise, sowie eine thatkräftigere Entfaltung des Willens im
Dienste des Staatswohles und der Weltgeltung Deutschlands geschenkt ward.
So hat uns Fürst Bismarck als Reformator des Geschichtsunterrichts nicht
nur einen neuen wertvollen, unvergleichlich deutsch und völkisch bildenden Inhalt,
das eigentliche Lehrfach deutscher Geschichte gegeben, nein, er hat uns auch neue
Maßstäbe der Beurteilung der Geschichte, der deutschen Geschichte,
ja der Geschichte überhaupt erschlossen. Denn nicht die Thatsachen allein bergen
den erziehenden, bildenden Gehalt, obgleich Rousseau schon heischte: „Gebt dem
Schüler Thatsachen, beurteilen mag er sie selbst!" obgleich auch Ottokar Lorenz,
der berühmte Geschichtswissenschaftler, die lehrhafte, d. h. beurteilende Zugabe des
Lehrers verurteilte. Es wäre ganz und gar verkehrt, in diesem wichtigen Punkte
den Schüler mit seinem noch ungeläuterten, unausgereiften, der Führung und
Zucht dringend bedürftigen Urteile im Stiche zu lassen. Hier muß der Lehrer
der Geschichte, der deutschen Geschichte seine ganze Kraft einsetzen, seinen Mann
stellen und seine Kunst erproben. Denn es ist unbestreitbar: In der Beurteilung
der Geschichte, in der lehrgemäßen Behandlung der Geschichtsbeurteilung,
Geschichtsbetrachtung, Geschichtsdurchdenkung und Durchgeistigung zeigt sich erst der
Meister, nicht etwa bloß in der geschickten Erzählung und Darbietung der That
sachen; denn diese kann zur Not und Aushilfe auch ein Buch leisten. Hingegen
die Beurteilung kann der Schüler nie und nimmer aus toten Büchern lernen;

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