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I. Abteilung. Abhandlungen.
sie muß ihm ein der Entwicklungskunst vollkommen mächtiger Lehrer allmählich
und stufenweise erschließen. Jede Geschichtspartie, die er nicht richtig zu
beurteilen befähigt werden kann, verdient auch keine Behandlung. Geschichtswissen
ohne Gewissensschulung ist Ballast, geschichtlicher Sinn ohne Gesinnung undenkbar.
Für diese höhere Stufe des Geschichtsunterrichts aber sind die Maßstäbe
der Beurteilung, die Geschichts- und Betrachtungspunkte, die festen und unver
rückbaren Gehaltssäulen die Hauptsache. Das war der ganze Jammer des deut
schen Geschichtsunterrichts vor 1870, daß es an solchen Säulen und Urteils
gesetzen mangelte, daß niemand wußte, wie und wem er es recht machen
sollte, ob er sich auf die Seite des preußischen Norddeutschtums oder auf
die des österreichischen Süddeutschtums stellen sollte u. s. w. Wir sind
jetzt nicht mehr in Verlegenheit in diesem Punkte; denn wie der Handel der
Flagge, so muß die Pädagogik der Politik folgen. Die Politik der Volks
leitung und Volksentwicklungskunst schafft eben nicht bloß die Thatsachen, welche
die Schule in ihrem Geschichtsunterrichte kennen zu lehren hat, sondern auch
zugleich die Gesichtspunkte, nach denen dieselben zu beurteilen sind. Dies gilt
mindestens für die nationale, völkische Politik uneingeschränkt.
Aber seitdem Bismarck Deutschland in den Sattel gehoben hat, haben sich
schon unter seiner Kanzlerschaft die wichtigsten Veränderungen angebahnt und zum
Teil schon jetzt vollzogen. Der Geschichtsunterricht kann nicht umhin, auch
diesem Wandel der Dinge Rechnung zu tragen. Er muß auch in diesem Punkte
der Politik folgen. Die Pädagogik des neuen Jahrhunderts sieht unter diesem
Zeichen, und der Geschichtsunterricht wird samt dem Erdkundenunterrichte hiervon
zuerst und zumeist betroffen. Wir müssen auch in unserm Geschichtsunterrichte
unsern Blick nicht nur vertiefen, sondern auch erweitern. Der Kampf zwischen
Individualismus und Kosmopolitismus, zwischen Menschentum und Menschheits-
tum ist längst von der Politik entschieden. Das 19. Jahrhundert war das
Zeitalter der Gründung großer Weltreiche auf völkischer Grundlage
mit immer mehr sich abgrenzenden und abschließenden Wirtschafts
gebieten. Noch ist von vielen Politikern und selbst Männern der Wissenschaft
diese Entwicklung nicht erkannt, oder wenigstens nicht anerkannt; noch sträuben
sich viele von ihnen gleichsam mit Händen und Beinen gegen diese Thatsache,
welche das A und O der Gesamtlebens- und Entwicklungsbedingungen des
deutschen Reiches darstellt. Das Ende ves alten Jahrhunderts brachte die ent
scheidende Schlußsteinthatsache, daß sich die gesamte Politik der Kulturvölker zur
W e l t p o l i t i k erweiterte. Nicht mehr allein europäische Festlandsfragen
beschäftigen die Europapolitik; Europa ist, seitdem sich die neuern Einheits
staaten Italien, Deutschland, Österreich-Ungarn mit allen ihren Folgewirkungen
gebildet haben, längst nicht mehr allein das Schachbrett, worauf die Staats
männer in Krieg und Frieden ihre Künste erproben, nein, der ganze Erdball ist

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