Zur Frage des deutschen Geschichrsunterrichts. 409
zum Schauplatz der großmachtlichen Politik geworden, aus der europäischen
Festlandspolitik ist eine mehr überseeische Weltpolitik geworden. Die Groß-
mächte haben sich zu Weltmächten ausgewachsen, und wer nicht imstande ist, diese
Stufe der Weltmacht zu erklimmen oder zu behaupten, hat auch als Großmacht
früher oder später ausgespielt.
Deutschland ist schon längst keine bloße Festlandsmacht mehr, und als Fürst
Bismarck 1884 die deutsche Kolonialpolitik und Kolonialmacht schuf, da zog er
nur das politische Folgeergebnis der mächtigen Zeitströmung, der politischen
Gesamtweltentwicklung. Deutschland war eben unwiderstehlich in den Strudel der
Weltwirtschaft hineingezogen worden und mußte deshalb wohl oder übel sich zur
Weltmacht entwickeln und sich Weltgeltung verschaffen, wollte es nicht den Ast,
auf dem es nunmehr sitzen muß, selbst absägen. Weltgeltung aber ist ohne
Seegeltung ganz undenkbar. Zur Landmacht muß die Seemacht, zur
Landpolitik die Seepolitik, zur Volkswirtschaft die Weltwirtschaft kommen. Wir
brauchen jetzt nicht bloß das deutsche Land, um leben zu können, nein, wir
brauchen auch die See und sogar überseeische Gebiete. „Das Deutschland von
heute muß über See verkaufen, oder, es wird zu Grunde gehen" sagte schon
der Franzose Dubois, Professor der Kolonialgeographie an der Sorbonne. Mit
Recht fügte diesem Ausspruche der deutsche Gelehrte Schäfer den Nachsatz hinzu:
„Über See kann aber nur verkaufen, wenn die See frei ist". Natürlich bedarf
diese Freiheit auf der See ebensogut des Schutzes wie das Landgebiet. Der
große Staatsgeograph Friedrich Ratzel hat daher ganz treffend den Satz aufge
stellt: Seitdem ein Großstaat ohne wirtschaftliche Weltinteressen undenkbar
geworden ist, ist auch ein wahrer Großstaat ohne Seemacht nicht mehr zu denken".
Sollte der deutsche Geschichtsunterricht nun nicht das Recht, ja sogar die
unverbrüchliche Pflicht haben, solche grundlegende Lebenswahrheiten und Natur
gesetze des politischen Daseins und Wirkens, des gesamten Staatslebens und
Staatswesens der Jugend ebenso klar zu machen wie die Naturgesetze der toten
und die der belebten Natur! Ich meine, die Lebensbedingungen irgend einer
Pflanze oder irgend eines Tieres zu kennen, ist zwar eine schöne Sache, aber für
unsere meisten Schüler ziemlich entbehrlich, wenigstens nicht so unentbehrlich als
die Kenntnis des Gesamtorganismus, dem sie entsprossen sind und in dem sie
nur gedeihen können, wenn sie ihn verstehen und sich seinen Gesetzen anpassen.
Würde dies der Unterricht nicht thun, nicht im genügenden Maße leisten,
so würde er keinen Anspruch darauf erheben dürfen, der Jugend die Gegenwart
verständlich gemacht, die Schülerschaft nicht für die Schule, sondern für das
wirkliche Leben in Familie, Gemeinde und Staat vorgebildet zu haben. Der
Unterricht würde dann um ein volles Jahrhundert hinter der Gegenwart
herhumpeln und hinken und passend sein, in einer Altertumsausstellung als
lebendes Zeugnis der Vergangenheit gezeigt zu werden. Es ist unschwer zu

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