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I. Abteilung. Abhandlungen.
erkennen, daß der Geschichtsunterricht des neuen Jahrhunderts die vollen und
weitreichenden Folgerungen aus diesem Wandel der Politik und Geschichts-
entwicklungsstuse zu ziehen hat und wesentlich von diesem Gesichtspunkte aus sich
um- und ausgestalten wird.
Er wird erstens der völkischen Erziehung durch die Geschichte
noch weit mehr Rechnung tragen und mit Rücksicht darauf den Stoff auswählen
und anordnen. Nicht mehr die rein biographische (lebensbeschreibliche) und
sürstengeschichtliche Anordnung und Behandlung wird als allein maßgebend und
richtig anerkannt werden; vielmehr wird sie je länger desto mehr der völkisch
bildenden, national kräftigenden weichen. Man wird z. B. die Eindeutschungs
geschichte des Ostens viel breiter anlegen und tiefer erfassen als bisher und dafür
manchen alten, minderwertigen Stoff ausscheiden. Die Schlachten- und Zahlen
kenntnis kann unbedenklich eingeschränkt werden; denn sie allein erzeugt noch lange
keine geschichtliche Bildung und nationale Gesinnung. Gewiß halten wir den
Zögling an, alles Schöne, Edle und Große, sowie alle guten Männer der Ge
schichte zu ehren und zu achten; aber dennoch würdigen wir stets die Thatsache,
daß nicht die allgemein sittliche Vorbilderlehre sein ihm einzig und allein
zukommendes Lehrgut darstellt, sondern in viel höherm Grade die völkische
Sittenlehre, die Erarbeitung der nationalen Gebote und Gesinnungen samt der
politischen Naturlehre oder Staatskunde. Wenn er nun auch in dieser Hinsicht
oft mit dem Unterrichte in der Erdkunde zusammengehen wird, so hat er doch
vor allen Dingen das Werden und Vergehen, das Ebben und Fluten des
deutschen Geistes zu zeigen.
In gleichem Maße ist aber auch die heutige Weltlage, Weltstellung, Welt
politik und Weltwirtschaft Deutschlands mit allen ihren großen Aufgaben und
Gefahren, Vorteilen und Nachteilen, Erleichterungen und Pflichten, die mit dieser
neuen Weltmachtsstellung untrennbar verknüpft sind, auf geschichtlichem Wege be
greifen zu lehren. Der Geschichtsunterricht behandelt zwar zumeist das
Geschehene, das Vergangene; aber dies nicht um seiner selbst willen, nicht bloß,
um zu zeigen, wie es früher war, um die Neugierde zu befriedigen; er strebt
höhern Zielen zu. Das Vergangene soll ihm ein Mittel sein, das Gegenwärtige
erklären und die nahe Zukunft wenigstens in ihren allgemeinsten Umrissen zeigen.
In den Tag hinein leben, ist eines Kulturmenschen, eines heutigen Staatsbürgers
unwürdig. Die Gegenwart versteht man nicht ohne Vergangenheitskunde, aber
ebensowenig ohne Zukunftsahnung. Die Politik der Regierung ist stets ein
Wechsel auf die Zukunft, wenn auch auf die allernächste. Gewiß, die Schule
muß sich vor aller Phantasterei ängstlich hüten; wo aber sich zweifellos bestimmte
Anhaltepunkte für die zukünftige Gestaltung ergeben, so sind sie auch der
lauschenden Jugend nicht vorzuenthalten; denn gerade diese Rücksicht auf die
Zukunft ist ja der genaue Maßstab zur Beurteilung der Maßnahmen. Der

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