Neue Bestrebungen auf dem Gebiete des Zeichenunterrichts. 419
zwei Reihen aufstelle: eine Anschauungs- und Darstellungsreihe. Nachdem er
den Lichtwark gewürdigt, tadelt er an Menard, daß er das System der Künste
(Textilkunst, Keramik, Architektur, Plastik und Malerei) zur Grundlage feines
Planes gemacht und dadurch das thatsächliche Nebeneinander in ein systematisches
Nacheinander aufgelöst habe.
Um einen, dem obersten Erziehungszwecke dienenden Lehrstoff zu erhalten,
verweist Jtschner auf das historisch-genetische Unterrichtsprinzip. Diesem entsprechend
muß er sich in seiner Stoffauswahl der Entwicklung der Kunst anschließen und
den Schüler an dem historischen Faden entlang führen. Dabei beschränkt er sich,
wie in der Geschichte, so auch hier, auf die nationale Kunst. Aber seine Stosse
müssen auch in Beziehung zur Heimat stehen. Darum nimmt er romanische,
gotische rc. Formen der Heimat. — Jtschner setzt sich an dieser Stelle mit dem
Naturalismus auseinander. Er sagt, daß nur unter Voraussetzung einer
künstlerischen Persönlichkeit die Natur als Kunstobjekt auftreten könne; nur eine
künstlerisch entwickelte Persönlichkeit könne in der Natur Formen suchen und sie,
indem sie sie gleichsam neu schasse, in Kunstformen umgestalten. „„Kunst ist
Natur, gesehen durch ein Temperament"" (Zola). Somit lehnt er Stosse aus
der Natur ab, eben weil der Schüler noch keine künstlerische Persönlichkeit sei,
noch nicht durch ein Temperament sehen könne. — Auch den Kultus des
Ornaments nennt er sinn- und zwecklos, wenngleich er nicht auf das Ornament
verzichten will. — Unter den Künsten soll die Architektur die führende Rolle
einnehmen, weil sie die Grundbedingung menschlicher Kultur schafft, weil sie die
socialste aller Künste ist, weil sie sich in Bezug auf Geschmacksbildung an
leitender Stelle befindet, weil bei ihr so deutlich ihr Zweck eingesehen werden
kann und weil sie viel zu erzählen weiß von der Kulturmacht unseres Volkes;
außerdem kommt die Architektur auch den Interessen der Kinder am „Bauen"
entgegen.
Die Zeichenformen sollen nun nicht etwa nur nach technischen Gesichts
punkten ausgewählt und geordnet werden, wie denn überhaupt die Rücksicht auf
die technische Leichtigkeit oder Schwierigkeit bei der Auswahl mit Recht etwas
zurücktritt. Sie sollen aber ein gemeinschaftliches Beziehungsobjekt erhalten. Das
ist für die romanische Kunst die Kirche zu Kloster-Lausnitz, der 14 Formen ent
nommen sind (6 der Architektur und 8 der Dekorativ-Kunst); für die Gotik ist
es die Stadtkirche in Jena, während für Renaissance und für die nationalen
Stile ein Beziehungsobjekt fehlt. Der Unterricht entnimmt für diese Gebiete
seine Stoffe verschiedenen Gebäuden der Stadt Jena. Nur bei den nationalen
Stilen treten die Formen körperlich (perspektivisch) auf. Wenn ich nun noch
bemerke, daß man in Jena vom 1.—3. Schuljahre malendes Zeichnen betreibt,
daß das 4. Jahr einen Vorkursus fürs Flachornament, das 5. dem romanischen
Stile, das 6. der Gotik, das 7. der Renaissance und das 8. einem Vorkursus
in der Perspektive und dem nationalen Stile gewidmet ist, so glaube ich den
Zeichenstoff sowohl, als auch seine Verteilung ausreichend skizziert zu haben.
Neben der Reihe für den Darstellungskursus giebt es in Jena noch
eine solche für einen Anschauungskursus. Sie bietet, ich möchte sagen, in
überreicher Zahl kirchliche und profane Bauten, Kirchengeräte, Zierwerke, Gemälde,
Gegenstände der Kleinkunst rc.
Vergleicht man nun die Bestrebungen der Hamburger und Tadds einerseits
und die Jtschners andererseits, so füllt neben der ganz verschiedenen Auffassung
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