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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
des Zeichnens, neben den ganz verschiedenen Mitteln und Wegen doch die gleiche
Absicht (künstlerische Erziehung der Jugend — Erziehung zu Kunstgenuß) in die
Augen. Während man aber in Jena dieses Ziel mit Bestimmtheit im Auge
behält und in bewußter Weise seine Maßnahmen trifft, um es zu erreichen,
während man hier stets das mehr ahnende Gefallen des Kindes zu einer
künstlerischen Würdigung des Objektes zu erheben sucht, soll sich das Empfinden
der Schönheit bei den Hamburgern wohl mehr als selbstverständlich einstellen.
Ich glaube, daß sich — reichere Übung vorausgesetzt, als Jtschner sie bis jetzt
zu bieten scheint — die Fähigkeit, das Zeichnen als Ausdrucksmittel zu benutzen,
eher als selbstverständlich einstellt, als das klare Erfassen des künstlerischen
Momentes. Liest man die Lektion Jtschners, so ist keine Frage, auf wessen
Seite hier der meiste Erfolg sein muß. Die Hamburger lassen in den Maß
nahmen für die Erreichung dieses Zieles überaus viel vermissen. Es fehlt die
gesamte Kunstentwickelung, wenigstens habe ich keine Bemerkung gefunden, die
daraus hindeutete, daß man sie berücksichtige. Daß man sich nicht um die
kulturhistorischen Stufen kümmert, darüber darf man sich schon gar nicht
wundern. Auch von einem Anschauungskursus ist wohl auch aus dem ange
führten Grunde keine Rede. Es ist für den Zeichenkursus die ganze Arbeit, das
ganze Schaffen der Vergangenheit nicht vorhanden. Vielleicht soll hier der
Geschichtsunterricht, oder es sollen selbständige Kurse in der Kunstgeschichte aus
helfen. — Bei Tadd wird der Vergangenheit noch ein breiter Raum gewährt. —
Ist nun Jtschners Zeichengang nicht einfach ein kunstgeschichtlicher Kursus mit
einer Anwendungsstufe, die erarbeitetes Material befestigt und sichert durch das
Nachzeichnen desselben? Mag er sein, was er will, es kommt für die künstlerische
Erziehung dabei etwas heraus. Jedenfalls muß der Schüler an Kunstwerken
künstlerisch empfinden lernen. In diesem Punkte kann man sich Jtschner nur
anschließen; einem Schüler ist die Natur kein Gegenstand der Kunst. Aber
wenn Jtschner nun auch mit Recht bestreitet, daß der Schüler die künstlerische
Persönlichkeit sei, die das Temperament besitze, Natur als Kunst zu sehen, so
darf man ihm doch die Frage entgegenhalten, wann denn nun der Zögling
anfangen solle, die Natur mit dem durch die Kunst geschulten Auge zu be
trachten. Diesen Zeitpunkt darf man doch auch nicht zu spät setzen. Es finden
sich auch Anknüpfungspunkte genug, nämlich z. B. überall da, wo Pflanzenformen
vorkommen. Jtschner ist das auch nicht entgangen; er braucht nur diesen Punkt
genügend zu betonen und in seine Stoffreihe Entsprechendes aufzunehmen. Das
empfiehlt sich nicht etwa deshalb, um den Hamburgern ein Zugeständnis zu
machen — es wäre ihnen damit ja nicht genügt — sondern es dient dem Ver
ständnis der Kunstform, wenn die Naturform daneben steht. Was sollte denn
hindern, so überall, wo es möglich ist, das Verständnis für die Schönheit der
Naturform wenigstens anzubahnen? Auch die Farbe ließe sich hier leicht ein
führen, und die Kinder könnten so in der Handhabung des Pinsels geübt
werden. Zeigt sich hier bei Jtschner eine Lücke, so ist eine solche noch mehr in
dem Umstande zu finden, daß die Thätigkeit des Schülers im ganzen auf das
Nachbilden beschränkt wird. Es fehlt an dem nötigen Reichtum. Wohl
wird noch eine große Anzahl von Formen gesehen, aber es werden ihrer nicht
genug skizziert und vor allem wohl nicht genug eingeübt. Überhaupt sollten die
Schülerarbeiten nicht nur den Charakter von Nachbildungen, sondern mehr den
von Neuschöpfungen — das Wort richtig verstanden — haben. Wo bliebe

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