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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
kuüpftes derselben bestehen. . . . Nicht bloß die Einzelheit der Erscheinungen,
sondern auch das Band derselben hat Realität, ja die höchste Realität." S. 214.
In demselben Sinne schreibt Paulsen: „Es giebt keine für sich seiende,
beharrliche immaterielle Seelensubstanz; das Dasein der Seele geht in dem
Seelenleben auf; hebt man die psychischen Vorgänge auf, so bleibt kein
Substantiale als Rückstand. . . . Die Seele ist die im Bewußtsein zur Einheit
zusammengefaßte Vielheit seelischer Erlebnisse; von einem Substantiale außer,
hinter, unter den Vorstellungen und Gefühlen wissen wir auf keine Weise etwas
zu sagen." Bei Wundt heißt es: „Die Seele ist nichts anderes, als die
Summe unserer inneren Erlebnisse selbst. . . . Nirgends wird uns in der
Erklärung des Zusammenhangs der inneren Erlebnisse ein Anlaß gegeben, diesen
aktuellen Seelenbegriff auf etwas zurückzuführen, das nicht immer wieder dieser
Zusammenhang des Vorstellens, Fühlens, Wollens selbst wäre. . . . Die
seelischen Erlebnisse in uns sind uns als das gegeben, was sie sind. Jene
Unterscheidung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit, die für die Auffassung der
Außenwelt gefordert ist und zum Begriff der materiellen Substanz als eines
aus den Erfahrungsthatsachen zu konstruierenden hypothetischen Hilfsbegriffs führt,
verliert so in der Anwendung auf die Selbstauffassung des denkenden Subjektes
jeden Sinn." Bei Jo dl lesen wir: „Die Seele hat nicht Zustände oder
Vermögen, wie Denken, Vorstellen, Freude, Haß u. s. w., sondern diese Zustände
in ihrer Gesamtheit sind die Seele, gerade so, wie die physiologischen Prozesse
in ihrer Gesamtheit eben das sind, was wir Leben nennen." — Prüfen wir die
vorgetragene Ansicht möglichst ruhig und vorurteilslos, indem wir uns zunächst
die Frage vorlegen: Was sind Empfindungen, Gedanken, Gefühle u. s. w.?
Wesen sind's nicht; das bedarf keines näheren Beweises. Es sind Zustände,
Erscheinungen, Kräfte. Zustände. Aber ich frage Sie: Können Sie sich einen
Zustand denken, rein für sich, ohne einen Träger, dem er anhaftet, dessen er ist,
dem er inhäriert? Ich vermag's nicht. Für mich liegt eine absolute Denk
notwendigkeit vor, jeden Zustand gleichsam an ein Wesen zu heften. Ich kann
mir z. B. nur etwas Nasses, Trocknes, Glattes, Rauhes, Hartes, Weiches u. s. w.
vorstellen, nicht aber eine Nässe, Trockenheit, Glätte, Rauheit, Härte, Weich
heit u. s. w., die gleichsam in der Luft schweben, rein für sich dastehen.
Erscheinungen. Aber setzt nicht jede Erscheinung ein Wesen voraus, an dem
oder für das etwas erscheint? Kann etwas erscheinen, wenn nichts ist? Ich
glaube, Herbart hat recht, wenn er schreibt: „Soviel Schein, soviel Hinweis
auf Sein". Kräfte. Aber ich vermag mir auch keine Kraft zu denken ohne ein
Substantiale, an dem und durch das sie wirkt. Was ist z. B. die Elektrizität,
wenn wir alle Körper wegdenken, an denen sie sich äußert? Für mich nur ein
leerer Begriff. Ich weiß wohl, daß die neuere Naturforschung die Materie als
ein System von Kräften oder genauer Energien auffaßt und den atomistischen
Begriff des Stoffes in einen dynamisch energitischen verwandelt, wie Reinke
in seiner Einleitung in die Biologie ausführt. Ich weiß auch, daß manche
Philosophen ihr darin vorangegangen sind, z. B. E. v. Hartmann, Ulrici,
Er har dt. Aber ich vermag ihnen nicht zu folgen. Ich weiß nicht, wie es
andern geht. Ich komme nicht darüber hinweg: Die Kraft erfordert notwendig
einen Träger.
Wenn aber Empfindungen, Vorstellungen u. s. w. als Zustände,
Erscheinungen, Kräfte nicht für sich sein können, dann gewinnen sie auch durch

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