Psychologische Skizzen.
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ihren Zusammenhang keine Realität. Hiergegen hebt Ebbinghaus hervor:
„Wie es sein kann, daß etwas nicht für sich und selbständig in der Welt
existiert, sondern an einem Träger haftet, ohne daß doch zugleich dieser Träger
als ein besonderes Wesen im metaphysischen Sinne außerhalb des Getragenen
und neben ihm vorhanden ist, lehrt uns die Pflanze. Sie hat Wurzeln,
Zweige, Blätter, Zellen, trägt Blüten, Früchte, eine Krone u. s. w. . . . Los
gelöst von einander und von ihrem Träger sind Blätter und Blüten ihrem
wahren Wesen nach nicht mehr vorhanden, nur den Namen behalten sie noch
eine Weile und das oberflächliche Aussehen. Aber wer ist hier der Träger alles
dessen, was bloß als Getragenes vorhanden ist? wer das Subjekt, welches alle
die einzelnen unselbständigen Dinge hat und ihnen Grundlage und Zusammen
halt giebt? Ein besonderes einfaches Wesen, unabhängig und unterscheidbar in
seiner Existenz von dem, was es hat oder trägt? eine Realität außer und
hinter den Teilrealitäten, die eben genannt wurden? Doch schlechterdings nicht.
Sondern das, was die Blätter hat, ist der aus Wurzeln, Stamm, Rinde,
Zweigen u. s. w. bestehende Komplex, und wiederum das, was die Wurzeln hat,
ist größtenteils derselbe Komplex, nämlich Stamm, Rinde, Zweige, Blätter. . . .
Alle einzelnen Bestandteile, Gliedersunktionen der Pflanze existieren nur als etwas
irgendwie Zusammengehaltenes und Getragenes, aber das sie tragende und
habende Wesen ist nichts anderes,, als die Gesamtheit dessen, was da getragen
und gehabt wird. Nimmt man der Pflanze alles weg, von dem man sagt, daß
sie es hat oder trägt, so hat man sie selbst weggenommen. Es bleibt nicht
etwa der eigentliche Träger noch übrig, nur arm und verkümmert in seinem
Besitz und seinen Äußerungen, sondern es bleibt gar nichts mehr übrig. . . .
So und nicht anders verhält es sich auch mit dem Träger und Subjekte des
Seelischen, mit dem Ich. Träger und Getragenes sind auch hier nichts Wesens
verschiedenes und voneinander Unabhängiges. Sondern das nach Aussage der
unmittelbaren Erfahrung freilich Vorhandene, das jetzt diesen Gedanken hat, jetzt
einen andern, augenblicklich den blauen Himmel erblickt, wo es kurz zuvor noch
Wolken sah, ist nichts anderes, als die reiche Gesamtheit aller der Empfindungen,
Gedanken, Wünsche u. s. w., die mit jenen erstgenannten in unmittelbaren
Wechselwirkungen, Beziehungen, Verbindungen stehen." Diese Ausführungen
haben auf den ersten Blick etwas Überzeugendes, die entgegengesetzte Ansicht
Entkräftendes, darum habe ich sie ausführlich wiedergegeben. Sie verlieren aber
ihre Beweiskraft, wenn man sie näher erwägt. Ebbinghaus will durch sein
Beispiel veranschaulichen, wie die Vorstellungen, Gefühle u. s. w., die für sich
und selbständig nicht existieren, durch ihren Zusammenschluß Realität gewinnen.
Aber das ist ihm nicht geglückt. Denn. Die Pflanze besteht aus Substanzen.
Jede derselben existiert für sich, ehe sie Element einer organischen Verbindung,
eines lebendigen Organismus wird. Sie gewinnt also nicht Realität dadurch,
daß sie von der Pflanze assimiliert wird; sondern sie besitzt sie an sich. Daß
organische Verbindungen, lebendige Organismen Eigenschaften haben, Funktionen
ausüben, welche die einzelnen Stoffe, aus denen sie chemisch zusammengesetzt sind,
nicht haben und ausüben, und welche verschwinden, sobald die organische Ver
bindung aufgelöst und der Organismus in seine Teile zerlegt wird, leugne ich
nicht. Aber ich bestreite, daß etwas, was für sich nicht existieren kann, dadurch
Realität gewinnt, daß es sich mit Gleichartigem verbindet; und in dieser Meinung
macht mich Ebbinghaus durchaus nicht irre. Ich bleibe dabei: Empfindungen,

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