Vom täglichen Brot für die Jugenderziehung.
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unter den Thoren (V. 23), also kann sie auch zur Wohlfahrt ihrer Söhne
beitragen. Es wäre bei der Erziehung der Töchter viel daran
gelegen, daß sie sowohl rechte Eheweiber der Männer als auch
rechte Mütter der Kinder würden, daß ihre Söhne auskommen und sie
selig Preisen, und ihre Männer sie loben könnten. Allein bei dem jetzigen
Zustand darf man sich nicht wundern, warum die Söhne gewöhnlich auf ihre
Mütter nichts geben, da sie an ihnen wenig Weisheit, Tugend und Fleiß wahr
nehmen. Ebenso ist dieses die Ursache, warum man so viele Mütter bei der
Erziehung der Söhne nicht viel gelten lassen kann, da sie nicht nur keine Einsicht
davon haben, sondern auch meistenteils mehr verderben als gut machen.
Anmerkung des Herausgebers: Damit hat Flattich auf die sociale
Bedeutung der Mädchenerziehung hingewiesen, für welche zu seiner Zeit fast
so viel wie gar nichts geschah; wahrlich eine beachtenswerte Mahnung, die auch heute
noch nicht überflüssig geworden ist, vielmehr gerade für die Lösung der socialen
Frage von Bedeutung ist. Wir wollen in anbetracht der großen Wichtigkeit der Sache
noch das Gutachten eines der tüchtigsten und erfahrensten Schulmänner der neuesten Zeit
citieren, welchem wir nach den von uns gemachten Erfahrungen zumeist zustimmen
können: Die richtige Organisation der höheren Töchterschule ist
vielmehr eine sociale Notwendigkeit als eine pädagogische, denn die
Stellung des Weibes ist eine tief in das Gesellschafts- und Volks
wirtschaftsleben eingreifende. In der Mädchenerziehung der mittleren
Stände liegen viele Keime unserer socialen Übel. Und doch thut man
für die Mädchen gerade dieser Schicht der Bevölkerung immer noch wenig genug.
Hochwichtig ist bei dem Einfluß der Frau auf das Familienleben und die Kindererziehung
eine zweckentsprechende Vorbildung: nicht minder bedeutsam ist die Aufgabe, die
Mädchen erwerbsfähig zu machen. Aber wie steht es vielfach noch immer mit der
Lösung dieser wichtigen Aufgaben? „Man schickt die Tochter in eine höhere Töchterschule,
läßt sie mit dem leichten Firnis einer französischen Konversation überstreichen, um sie
ball- und salonfähig zu machen, ebenso spielt sie, ein Klavierstück herunterzuklimpern,
ein eingepauktes Lied in der Theegesellschaft vorzusingen und — das ist alles!" Die
Tanzstunden und Tanzstundenbälle nicht zu vergessen! „Die Mädchen ihrer Natur und
Bestimmung gemäß auszubilden und sie dahin zu bringen, durch eigene Arbeit sich eine
ehrenvolle selbständige Existenz zu schaffen, so daß sie nicht warten müsien, bis sie
jemand heiratet und ernährt, zu solcher humanen Ausgabe wurden bisher nur bescheidene
Versuche gemacht." „Die unteren Stände finden für ihre Töchter Erwerb; aber für
die mittleren Stände geschieht nichts (oder sehr wenig): da gilt das Arbeiten der
Tochter für eine Schande, da werden lange Tage mit leerem Geschwätz, Langerweile
und Putzen hingebracht. Der Vater muß sie anständig kleiden, auf Bälle führen,
Gesellschaften geben, um die Tochter an den Mann zu bringen." „Was sie dereinst
braucht als Erzieherin, Krankenpflegerin, Köchin und Hausfrau, davon weiß sie unendlich
wenig." „Will die höhere Töchterschule ihre Aufgabe erfüllen, hat sie Unterricht und
Erziehung der weiblichen Natur und der Bestimmung des Weibes anzupasien, indem sie
die Tochter als Tochter des gebildeten Mittelstandes für die in demselben herrschenden
Ideen vorbereitet, sie aber auch in den Stand setzt, als Hausfrau und Mutter ihre
Pflichten zu erfüllen. ■ Die Lehrpläne bedürfen daher einer Umänderung, indem man
gewisse Lehrgegenstände ausschließt oder kürzt, andere dagegen in den Unterricht
aufnimmt. Endlich soll eine Abteilung mit der Schule verbunden sein, in welcher die
Mädchen für geeignete Erwerbsarten und Beschäftigungen vorbereitet und mit den
erforderlichen Kenntniflen dazu ausgerüstet werden! Unser Gewährsmann fragt ver
wundert, warum es nur an verhältnismäßig wenigen höheren Töchterschulen Abteilungen
gebe, in denen Mädchen zu Lehrerinnen und Gouvernanten ausgebildet werden. Solchen
Unterricht sollten alle Schülerinnen erhalten, wenn auch in beschränkterem Umfange.
Er verlangt im Interesse des Familienlebens, daß in der Oberklasse der höheren
Töchterschule das Allgemeinste über Kindererziehung, über Natur und Behandlung der
Kinder, über Spiele und Beschäftigungen derselben gelehrt werde. Man soll sie mit
den besten Kinder- und Jugendschriften bekannt machen und mit den Anforderungen,
welche man an dieselben zu stellen hat. Es läßt sich dies alles bei geschickter Behandlung

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