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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
sehr wohl durchführen. Recht eindringlich empfehle ich allen Interessenten auch die
verständige Schrift meines Kollegen, des Realschul-Direktors Dr. O. Richter-Eisleben:
„Die Erziehung der weiblichen Jugend" (2. Aust. Leipz., 1872), aus welcher ich hier
noch folgende braven deutschen Mannesworte anführe: „Wenn ich einen Menschen
ohne Religion überhaupt für den unglückseligsten Erdenwurm halten
muß, so erscheint mir insbesondere ein Weib als das entartetste, seinem eigensten
Wesen am völligsten entkleidete Geschöpf, wenn es dahin gelangte, die Gottesfurcht zu
verlieren." Ich weise der Religion bei der Erziehung des weiblichen Geschlechtes eine
wichtige Stellung zu und ich bin nicht zufrieden damit, wenn man an der jetzigen
höheren Töchterschule derselben auf den oberen Stufen zwei, auf der unteren drei
Stunden zuerteilt. Die Vermehrung der Unterrichtszeit um eine Stunde erscheint mir
dringend geboten, um in diesem wichtigen Fache das wünschenswerte Ziel einigermaßen
zu erreichen/' „Der Religionsunterricht muß in das tiefere Verständnis der heiligen
Schrift als der Grundquell des Glaubens einführen. — Die herrlichen Frauengestatten
des Alten und Neuen Testamentes, das erhabene Bild des reinen, für die Menschheit zum
Tode dahingehenden Heilandes: die milden, Selbstüberwindung und Feindesliebe,
Demut und Reinheit des Herzens gebietenden Lehren des heiligen Mittlers führe man
eingehend und lebendig vor die Seele der weiblichen Jugend; lehre sie Liebe, innige
Liebe fassen zu dem Geiste des Christentums." Dagegen empfiehlt er Kürzung
des fremdsprachlichen Unterrichts, weil er von diesem keine unmittelbare Förderung der
wahrhaft weiblichen Bildung erwartet. Sehr richtig verlangt er, nur eine der
beiden Fremdsprachen als obligatorischen Unterrichtsgegenstand zu behandeln. Der eng
lischen Sprache giebt er vor der französischen den Vorzug. Der Unterricht in der
französischen Sprache kann ein fakultativer sein. Ähnliche Forderungen stellte seiner
Zeit der verständige Pädagoge Hofmann-Berlin für die Knaben-Mittelschulen bezw. Real
schulen. Bei weiser Beschränkung auf das Notwendige und wirklich Zweckentsprechende
läßt sich dann auch wirklich etwas erreichen, während es sonst noch immer bei dem
bleiben wird, was der treffliche prundgescheite Oberstudienrat und Gymnasialrektor
Dr. C. L- Roth vom Ziel für die höheren Schulen gesagt hat: Statt eines wirklichen
Zieles wird ein Phantom zum Ziele gesetzt. „Wir pflogen mit allem Unterricht den
Schein statt der Wahrheit, versprachen, was niemand leisten kann" (Gymnasial
pädagogik S. 18).
3. Nutzen gewissenhafter Aufsicht durch die Eltern und Lehrmeister.
Wandle vor mir. 1. Mos. 17, 1.
Gott will dem Abraham zu erkennen geben, daß nicht nur Gott ihm
immer gegenwärtig sei, sondern auch, daß Abraham Gott beständig vor Augen
haben und in steter Furcht Gottes bleiben soll. — Weil Eltern das Bild
Gottes in Ansehung ihrer Kinder an sich tragen und die Lehrmeister an Stelle
der Eltern stehen, so kommt sehr viel bei jungen Leuten auf die Gegenwart der
Eltern oder Lehrmeister an, daß junge Leute vor solchen wandeln, indem die
Gegenwart das vornehmste Mittel ist, junge Leute in der Furcht, Ordnung und
im Fleiß zu erhalten. Ich habe vielfältig wahrgenommen, wenn ich nur einen
Tag von meinen jungen Leuten weg bin, und sie ihrem eigenen Willen überlassen
sind, was für Händel, Unordnung und wildes Wesen gleich entstehen, und was
für Mühe es kostet, bis sie wieder in Ordnung kommen. Wie nämlich eine
Herde, wenn der Hirt zu lange von ihr weggeht, sich zerstreuet, und es den
Hirten Mühe kostet, sie wieder zusammenzubringen, also geht es, wenn Eltern
oder Lehrmeister zu lange von jungen Leuten weg sind. Hingegen habe ich
erfahren, wenn ich nur gegenwärtig bin und gesehen werde, so geht es leicht,
wenn ich auch für mich etwas thue und mich nicht mit ihnen beschäftige, sondern
bisweilen nur ein Wort spreche, daß sie nämlich stille sein oder in ihrer Arbeit
fortmachen sollen. Ich habe auch bei einfachen Leuten wahrgenommen, wenn ein
Vater seinen Buben mit in den Weinberg und eine Mutter ihr Mägdlein mit

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