Vom täglichen Brot für die Jugenderziehung.
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sich ins Gras nimmt, wie leicht bei solchen die Zucht von statten geht. Die
Zwangsmittel, die Drohungen, das Schellen und die mündlichen Vorstellungen
haben nicht so viel Wirkung als die Gegenwart. Es muß aber diese Gegenwart
so beschaffen sein, daß man jungen Leuten nicht unerträglich wird. Wenn man
nämlich sich gar zu fürchterlich macht, wenn man keine Unart leiden kann, und
auf eine gar zu pünktliche Ordnung dringt, macht man sich durch seine Gegen
wart unerträglich, weswegen nötig ist, daß man Sanftmut und Geduld beweist,
und daß man zehn- und mehrmal in Gelassenheit mit wenig
Worten abwehren und antreiben kann. Noch mehr muß man sich
hüten, daß man durch seine Gegenwart nichts verdirbt, was leicht geschieht, wenn
man vor jungen Leuten Böses thut, unanständige Dinge redet und sich unge
bührlich beträgt, weswegen hier Vorsicht und musterhaftes Leben erfordert wird,
und zwar um desto mehr, weil jungen Leuten das, was sie mit Augen sehen
und mit Ohren hören, einen solchen Eindruck giebt, daß sie es nicht so leicht
wieder vergessen.
Anmerkung des Herausgebers: Eine lehr beachtenswerte Wahrheit!
Wieviel Unheil für Leib und Seele der Kinder entsteht durch die nachlässige
Beaufsichtigung derselben seitens der Eltern, die dafür lieber ihren Vergnügungen und
Zerstreuungen nachgehen! Ebenso verderblich ist aber die heute vielfach besonders in
größeren Städten anzutreffende Gewohnheit, die Kinder, um sie unter Augen zu
behalten bezw. nicht allein zu lassen, mit in die Wirtshäuser oder in die Wirtshaus
gärten zu nehmen. Ich habe öfter wahrgenommen, wie gebildete Eltern sich in solchen
Fällen verleiten ließen, ihren Kindern, um sie vor langer Weile zu bewahren, sogar die
öffentlichen Witzblätter in die Hände gaben. Man soll nur nicht so viel
Geschrei in gewissen Kreisen über die Vollbibel in den Händen der
Kinder erheben und lieber sonst diese durch sorgfältigere Aussicht
sz. B. Bewahrung vor zu frühzeitiger Lektüre der Zeitungen, Journale,
Witzblätter rcü bewahren. Das Grundübel liegt darin, daß dieKinder,
die man glaubt bewahren zu müssen, eben schon anderweitig ein ver
dorbenes Gemüt erhalten. Das Übel liegt eben viel tiefer als
manche Leute glauben wollen; gegen dasselbe helfen äußereMittel im
Grunde doch nichts.
4. Die rechte Kinderzucht.
Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, daß sie nicht scheu werden.
Koloff. 3, 21.
Es werden hier die Väter ermahnt, daß sie gegen ihre Kinder nicht zu hart
sein sollen, damit dieselben nicht niedergeschlagen und schüchtern werden, sondern
sie sollen ihren Kindern durch Liebe ein Vertrauen machen, daß sie einen
fröhlichen Mut bekommen. Wie die Kinder durch einen sogenannten Butzemann
in Angst und Furcht geraten, also kann man in seinem Hause viel verderben,
wenn man darin einen Butzemann spielt. Es scheint anfänglich schön und gut
zu sein, wenn junge Leute durch eine scharfe Zucht dahingebracht werden, daß sie
sich nicht regen und in strenger Ordnung und Gehorsam leben, allein man wird
ihnen endlich unerträglich, daß sie halsstarrig werden, oder man benimmt ihnen
allen Mut und macht sie dumm; ja ich habe schon gesehen, daß junge Leute
durch eine scharfe Zucht die Gicht und fallende Krankheit bekommen haben. Man
kann mit jungen Leuten nicht umgehen, wie manche mit dem Vieh umgehen,
und bei selbigem gedenken, gerate es, so sei es gut, gerate es nicht, so achte man
es nicht. Gewöhnlich werden diejenigen, welche unter einer harten Zucht
gestanden haben, auch wieder hart, indem sie kein Gefühl der Liebe haben. Man

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