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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
zu der die Gemeinde sich bekennt. Bekennt also die Gemeinde sich zur Gottheit
Christi, so kommt es bei der Einführung des Schülers in das Bekenntnis nicht
darauf an, daß er diese Lehre als richtig einsehen und anerkennen lernt, sondern
darauf, ob er mit Thomas von Herzen zu Christus wird sagen können: Mein
Herr und mein Gott. Er muß also angeleitet werden, Jesum so kennen zu
lernen, daß er in dieses Bekenntnis des Thomas und der Gemeinde mit ein
stimmt, — nicht nur dem zustimmt. Dieses Bekennen ist also erst recht ein
Akt persönlichsten religiösen Lebens, ein praktisches Ergreifen Christi als des
Heilandes und Herrn. — Und vollends das praktische Ziel dieser Einführung in
das Bekenntnis der Gemeinde, daß nämlich die Schüler befähigt werden, an
dem Leben der Gemeinde lebendigen Anteil zu nehmen! Welch ein unermeß
liches Gebiet thut sich da auf! Der Schüler soll lernen, an den verschiedenen
Lebensäußerungen der christlichen Gemeinde lebendigen Anteil zu nehmen! Der
Gottesdienst wird ausdrücklich genannt. Da ist der mannigfaltige Ausdruck der
christlichen Frömmigkeit im Gemeindegesang, dann im Sündenbekenntnis, im
Gebet, im „Heilighalten, gerne Hören und Lernen" des Gotteswortes, in der
priesterlichcn Fürbitte u. s. w.: an allem soll der Schüler allmählich lebendigen
Anteil nehmen lernen. Dazu kommen dann ferner besonders die heiligen Hand
lungen, namentlich des Schülers eigene erste Abendmahlsfeier, die Teilnahme an
Taufen, zumal etwa als Pate, an Trauungen, Beerdigungen, an der Einführung
der Gemeindeältesten, an den Missions- und Gustav-Adolsfesten, an der kirch
lichen Feier von Kaisers Geburtstag und andern kirchlichen Festveranstaltungen —
welch eine Fülle von christlichem Leben und welch ein Reichtum und eine Tiefe
des Unterrichts, wenn der Schüler wirklich befähigt wird, an alledem lebendigen
Anteil zu nehmen! Ferner aber kommt das ganze weite Reich der christlichen
Liebesthätigkeit in Betracht, auf die schon die Missions- und Gustav-Adolffeste
hinwiesen, aber doch vorzugsweise die lebendige und persönliche Liebesthätigkeit
innerhalb der Gemeinde selbst. Und damit hängt dann die Pflege aller Bürger
tugenden aufs innigste zusammen.
Vermag es die Schule wirklich, in dieser umfassenden Weise zum Anteil
nehmen an deni Leben der Gemeinde zu befähigen, so ist sie selbst die erste und
vorzüglichste Pflegerin des Gemeindelebens, wahrlich keine gering zu schätzende
Aufgabe! Danach erzöge die Volksschule, kurz gesagt, selbst die lebendigen Ge
meindeglieder, die christlichen Persönlichkeiten, aus denen die Gemeinde
bestehen sollte. Denn auf die Persönlichkeit ist es im letzten Grunde abgesehen.
Lebendiges Anteilnehmen an dem Gemeindeleben ist etwas durch und durch Per
sönliches. ebenso wie das christliche Bekenntnis nur aus der Tiefe der Persönlich
keit emporsteigen kann.
Fassen wir also beide Momente zusammen, so dürfte es wohl am zu
treffendsten heißen; die evangelische Volksschule soll im Religionsunterricht per
sönliche Jünger Jesu erziehen, die sich zu Gott dem Vater in Christo bekennen
und sich in ihrem Leben als Nachfolger des Heilandes innerhalb der Gemeinde
bewähren lernen.
Halten wir nun diese doppelte Bestimmung für unsere weitere Untersuchung
über Art und Kunst des Katechismusunterrichts fest: Die Religionslehre hat
einen durchaus praktischen Zweck — wie die christliche Religion selbst durch
aus praktischen Charakters ist, „die eminent praktische Angelegenheit des mensch
lichen Geistes, nicht eine theoretische" (Kaftan) — und, was mit diesem ersten

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