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I. Abteilung. Abhandlungen.
mit, die den mit den Lehranstalten verbundenen Schülerbibliotheken ihre Auf
merksamkeit zuwenden und diesen gute und empfehlenswerte Schriften zuweisen.
Die Jugendlektüre wurde in früherer Zeit hauptsächlich durch die mündliche
Unterhaltung älterer Hausgenossen ersetzt. Diese erzählten aus der Geschichte der
Familie und Sippe, des Dorfes, der Stadt und des Gaus, was die Tradition
lieferte, mit den geläufigen Ausschmückungen und Zuthaten. Sie erzählten auch
Märchen, Geschichten aus den deutschen Volksbüchern, und Sagen, die sich an
benachbarte Schlösser und Ruinen knüpften, — alles uniermischt auch mit eigenen,
meist abenteuerlichen Erlebnissen des Erzählers und unterbrochen von Fragen
des aufmerksam lauschenden Kindes. Diese Art der Unterhaltung ist wohl jetzt
durch die Lektüre der Jugend eingeschränkt worden, jedoch nicht völlig außer
Übung gekommen; denn der Reiz des Erzählens und Erzählenhörens ist noch so
groß wie vormals. — Daneben hatte in früherer Zeit die meist mit Bildern
geschmückte Hausbibel noch eine geartetere Stellung in der Familie als vielfach
in unseren Tagen. Sie wurde auch von den Kindern gelesen, und wenigstens
waren ihnen die Geschichten geläufig, denen Bilder beigegeben waren. Hübners
biblisches Historienbuch, zuerst erschienen 1714, war ein Lieblingsbuch der Jugend
und wurde in vielen Auflagen verbreitet und in Schulen als Lesebuch eingeführt.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die geschichtliche Entwicklung
der Jugendlitteratur und auf deren Kritik. Erst um die Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts entstand eine eigentliche Jugendlitteratur. Um diese Zeit entwickelten
die philanthropistischen Pädagogen einen großen Eifer um die Erziehung der
Jugend. Der führte auch dazu, besondere Schriften für dieselbe erscheinen zu
lassen. Der Einfluß, den sie dadurch gewannen, ist uns heute verwunderlich und
nur aus dem regen Interesse zu erklären, das damals für die Erziehung der
Jugend in weiten Kreisen neu erwachte. Doch ist das, was an Jugendschriften
von Weiße, Campe, Salzmann und ihren Nachahmern erschienen ist, heute
zum größten Teil nur noch von historischem Werte und dient kaum als Vorbild.
Unvergessen aber bleibt, daß Campe der Jugend eine Bearbeitung des Robinson
Crusoe darbot, die ungemeine Verbreitung erlangte, aber jetzt auch durch bessere
Bearbeitungen überholt ist. Um die Wende des Jahrhunderts (1786 und die
folgenden Jahre) erschienen die Palmblätter von Liebeskind, deren erstes
(von vier) Bändchen von Herder mit einer Vorrede eingeführt und empfohlen
wurde, und aus denen manche Erzählungen bis heute gern gelesen werden und
sich in Lesebüchern erhalten haben. Andreas Löhr schrieb um jene Zeit seine
zahlreichen Schriften, denen Vilmar ein so schönes Zeugnis ausstellt, und
Friedrich Adolf Krummacher bot seine gemütvollen Parabeln dar, die nie
ganz der Vergessenheit anheimfallen werden und teilweise noch heute Kindern
im Alter von acht bis zehn Jahren Freude bereiten. Das neue (neunzehnte)
Jahrhundert brachte bald der Jugend eine Gabe, die sich seitdem einer unver-

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