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I. Abteilung. Abhandlungen.
Jugendschrift zur Mitarbeit aufgefordert wurde. Wir halten es für verfehlt,
dieses persönliche Geständnis zu einem Kanon für alle Jugendschriftsteller machen
zu wollen. Wenn ein Hausvater von einer Reise zurückkehrt, so wird er seinen
Kindern anders von seinen Erlebnissen auf derselben erzählen, als im Kreise von
Nachbarn und Freunden. Ein Lehrer wird irgend ein Pensum aus der deutschen
Geschichte anders vor vierzehnjährigen Schulkindern behandeln, als etwa in einem
Vortrag in einem Arbeiterverein oder vor der Kasinogesellschaft. So muß auch
der Stoff einer Erzählung für die Jugend anders behandelt werden, als in einer
Schrift für Erwachsene, — vorausgesetzt, daß er sich für diese überhaupt eignet.
Storm hat aber auch selbst erfahren, daß der obige, von Wolgast als Motto
seiner Schrift vorgesetzte Satz nicht einmal für ihn selbst zutreffend war. Es
wurden ein paar Stellen an der Erzählung Storms „Pole Poppenspäler" in
jener Jugendzeitung mit Zustimmung des Verfassers unterdrückt, das heißt doch,
daß in einer Erzählung für die Jugend manches anders dargestellt oder auch
weggelassen werden muß, als wenn dieselbe für Erwachsene bestimmt ist. Es
hätte nicht geschadet, hätte nach unserer Meinung nur zum Vorteil der Erzählung
gedient, wenn dies noch mehr erwogen und auch die paar Dutzend Fremdwörter
in derselben durch deutsche Ausdrücke ersetzt worden wären.
Was nun die zum Überdruß in der Schrift von Wolgast geforderte „ästhe
tische Bildung," „künstlerische Erziehung," „ästhetische Gesinnung," „litterarische
Genußfähigkeit" u. s. w. betrifft, zu der die Jugend erzogen werden und der
die Jugendschrift dienen soll, so ist sie uns weder das Einzige, noch das Erste,
noch das Höchste in der Erziehung. Wenn Wolgast schreibt: „wir wollen ein
genußfrohes Geschlecht erziehen" (S. 36), so erinnert das an jene Zeit, als der
praktische Materialismus aus Frankreich zu uns herüberkam und von Wieland
poetisch vertreten wurde, als die Lebensweisheit in der möglichst klugen und
möglichst vollständigen Ausbeutung des sinnlichen Vergnügens bestand, in einem
verfeinerten Egoismus. Wir haben ein anderes, und wie wir glauben höheres
Ziel bei der Erziehung im Auge; wir wollen ein Geschlecht erziehen, dessen
geistige Grundlage die christliche Welt- und Lebensanschauung ist und das von
dieser aus seinen irdischen Beruf und seine ganze Lebensstellung ansieht, erfüllt
und ausfüllt zur eignen Befriedigung, zum Wohl seiner Mitmenschen und des
Vaterlandes. Mit dieser Weltanschauung wird auch die Achtung vor jeder
anderen beruflichen Stellung als der eigenen anerzogen und so zur Lösung der
socialen Frage wesentlich beigetragen. — Wenn übrigens Wolgast der Meinung
zu sein scheint, als ob er zum erstenmal einen ästhetischen Maßstab an die Jugend-
schriften lege, so irrt er. Schon Christoph v. Schmid hat es ausgesprochen,
„eine Erzählung müsse ein Kunstwerk sein und auf den Leser wie ein Gemälde
auf den Beschauer einen wohlthuenden reinen Eindruck machen; der Leser dürfe
darin nichts vermissen, es dürfe ihn nichts stören." In diesem Sinne stellen

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