Die Bedeutung der Jugendlitteratur.
449
auch wir künstlerische Anforderungen an eine Jugendschrist. Aber eine rein ästhe
tische Beurteilung kann nie den Ausschlag geben; die sittliche und intellektuelle
Förderung ist das entscheidende Moment. Dem Dichter Heine fehlte es gewiß
nicht an ästhetischer Bildung; er schrieb von Paris aus Briefe über französische
Gemäldeausstellungen, über die französische Bühne und musikalische Berichte, welche
hervorragende deutsche Blätter bereitwilligst abdruckten; — aber Heine blieb
daneben doch der Heine, wie er uns allen bekannt ist.
Wenn wir demnach ein Einverständnis mit den Grundanschauungen
Wolgasts ablehnen, so erkennen wir doch an, daß seine Kritik nach manchen
Seiten berechtigt ist; aber es fällt uns nicht ein, das absprechende Urteil anzu
erkennen, das er über Christoph von Schmid, Nieritz, Franz Hoffmann, W. O.
v. Horn u. a. in Bausch und Bogen fällt. Diese Schriftsteller haben für ihre
Zeit eine Bedeutung gehabt und haben sie durch manche ihrer Schriften noch.
Längst sind von Kritikern wie Hopf/) Sutermeister^) u. a. die guten, mittel
mäßigen und abzulehnenden Schriften diesen Autoren bezeichnet worden, und es
sieht wohl mutvoll aus, über deren Beurteilungen absprechend hinwegzuschreiten,
macht aber auf Kenner der Jugendlitteratur und ihrer Kritiker keineswegs einen
imponierenden Eindruck.
Die Aufgabe der Jugendlitteratur ist eine mannigfaltige. Die
Jugendschrift soll den geistigen Horizont des Kindes erweitern, seiner Gedanken
welt neue Stoffe zuführen, das Gemüt veredeln, den Sinn für das Schöne
bilden und den Geschmack läutern, das Urteil reifen, die Phantasie zügeln und
sozusagen erziehen, Liebe zum Vaterlande pflanzen und vor allem das religiös
sittliche Innenleben des Kindes beleben, anregen und fördern. Damit wird und
soll sie zugleich den Sprachschatz vermehren, das Sprachgefühl verfeinern und die
Ausdrucksweise verbessern und vervollkommnen.
Am nächsten verwandt ist die Jugendschrist mit der Volks sch rift; aber
sie ist nicht dasselbe. Daß manche Jugendschriften auch vom Volke mit Nutzen
gelesen werden können, sei bereitwillig zugegeben, wie auch, daß die Jugend im
reiferen Alter eine gute Volksschrift nicht ohne geistigen Gewinn lesen wird.
Aber die Volksschrift muß, wenn sie dem Volke ein wahrer Freund und Rat
geber sein will, von manchen Dingen, wie Liebe, Ehe, Kinderzucht u. s. w.,
reden und auch in einer Sprache, die niemand mißversteht; das aber wird der
Jugendschriftsteller nicht thun, wenn er seine Ausgabe recht erfaßt. Eine Be
zeichnung wie „Jugend- und Volksbibliothek" kann darum nur so verstanden
werden, daß ein Teil der Schriften, die sie umfaßt, für die Jugend, der andere
^ür das Volk bestimmt ist.
*) Mitteilungen über Jugendschriften.
2 ) Jugendschriftenverzeichnis des schweizerischen Lehrervereins. Außerdem die Ver
zeichnisse des pädagogischen Vereins in Berlin und Dresden.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.