Aufgabe und Eigenart der Religionslehre.
45
Merkmal in Wechselwirkung steht, sie zielt auf die Heranbildung einer christlichen
Persönlichkeit ab. Demnach muß der Religionsunterricht den Schüler per
sönlich anfassen, den ganzen Menschen ergreifen, darf keineswegs in verstandes
mäßiger Belehrung, in Überlieferung von Kenntnissen bestehen. Der Religions
unterricht ist verfehlt, der den Schüler kalt läßt, der nur seinen Intellekt in
Anspruch nimmt; zwecklos ist er, wenn er es ablehnt, auf Erweckung von
Religiosität abzuzielen. Damit ist weder der gefühlsseligen Salbaderei noch der
methodistischen Treiberei und einem durchaus nicht kindesgemäßen Bekehrungseifer
das Wort geredet. Gefühl und Wille sollen vielmehr durch die klare, nüchterne,
dem Kinde faßbare Borstellung gebildet werden.
Aber welche Vorstellung? Nichts Geringeres als der l e b e n d i g e G o t t soll
in der Religionslehre vorgestellt, mit Gott selbst sollen die Schüler bekannt ge
macht werden! Dieser erhabene Gegenstand des Religionsunterrichts neben seiner
oben festgestellten Aufgabe giebt ihm eine ganz besondere Eigenart vor allen
andern Unterrichtszweigen. Diese haben es mit meßbaren Formen oder greif
baren Erfahrungen zu thun. Die Religion aber „schaut ins Unermeßliche und
durch keinen Erfahrungsbegriff Erreichbare hinaus" (Herbart). Die Vorstellung
also, mit der der Religionsunterricht vor allem arbeitet, kann nicht als ab
geschlossen oder auch nur der Hauptsache nach als fertig und sattsam begrenzt
(definierbar) betrachtet werden. Die Religion ist kein Gegenstand für den Philo
sophen oder Wissenschaftsmenschen als solchen, sie ist und bleibt Sache des
Glaubens und des Herzens, und es war ein verhängnisvolles Unterfangen der
Spekulation, wenn sie den Glauben an Gott in ein Wissen verwandeln wollte.
Die Religion hat es nicht mit Kultur und Welterkennen, mit dem, was sich un
absehbar entwickelt, zu thun, sondern mit dem, was da immerdar Menschliches
bleibt, mit den überall gleichen Bedürfnissen und Strebungen des Menschen
herzens. Denn die Menschheit mag unaufhaltsam fortschreiten, sagt Goethe, der
Mensch bleibt doch immer derselbe. Und dieses Ewig-Menschliche ist eben Aus
gangspunkt und Ackerfeld der Religion. Sie ist nun und niemals Wissens-,
sondern Ge w i s s e n s sa ch e. Gott läßt sich nicht mit dem Verstände fasten,
wohl aber im Gemüte fühlen und verehren. Gott will nicht begriffen,
sondern angeschaut und angebetet sein. Der begriffene Gott ist ein
toter Gott. Der Gottesbegriff ist ein Produkt menschlicher Spekulation, ein Ge
bilde menschlicher Vernunft, während der Mensch in seinem nach Gott suchenden
innersten Wesen eine Schöpfung Gottes ist, Gottes Ebenbild darstellt.
Das einfache Grundprincip für das Lehrversahren des Religionsunterrichts
ist demnach dies, daß die Schüler, um mit Gott in Berührung gebracht zu
werden, mit gotterfüllten Persönlichkeiten bekannt gemacht wer
den. vor allem natürlich mit dem, in dem Gott sich in vollkommener Weise
für Menschen anschaubar gemacht hat, dem, der von sich sagen darf: Wer mich
siehet, der siehet den Vater. Freilich würde auch wiederum Christus
selbst samt allen Gottesmännern der Vergangenheit auch bei dem psychologisch
sorgfältigsten Unterricht den Schülern unverständlich, unerkennbar bleiben, wenn
er ihnen nicht durch religiös lebendige Persönlichkeiten und Erlebniste der Gegen
wart, durch Erfahrungen ihres eigenen Lebens vorstellbar wird. Vor allem
natürlich durch die Persönlichkeit des Religionslehrers selbst. So wenig eine
Glasstange etwas von der Wirkung, also dem Dasein der elektrischen Kraftquelle
spüren läßt, so wenig kann eine religiös leblose Persönlichkeit den Schüler mit

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.