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I. Abteilung. Abhandlungen.
Darum ist die Aufgabe des Jugendschriftstellers aber nicht leichter, sondern
eher schwerer als die des Volksschriftstellers. Der Jugendschriftsteller muß vor
allem die Kinder verstehen, lieben und es herzlich wohl mit ihnen meinen.
Wenn Hamann sagt: „Das größte Gesetz der Methode für Kinder besteht
darin, sich zu ihrer Schwäche herunterzulassen, ihr Diener zu werden, wenn man
ihr Meister sein will, ihre Sprache und Seele zu erlernen, wenn wir sie be
wegen wollen, die unsrige nachzuahmen," so ist das recht geredet und vom
Jugendschriftsteller zu beachten, doch so, daß das „ein Kind werden" nicht
kindisch werden bedeutet, damit nicht Kästners Spott berechtigt werde:
Dem Kinde bot die Hand zu meiner Zeit der Mann,
Da streckte sich das Kind und wuchs zu ihm heran.
Jetzt kauern hin zum lieben Kindlein
Die pädagogischen Männlein.
Die didaktische Jugendschrift will den Unterricht der Schule ergänzen
und vertiefen. Sie erstreckt sich demnach hauptsächlich auf Darstellungen aus
dem Gebiet der Geschichte, Litteraturgeschichte, Geographie und Naturkunde, ohne
im übrigen irgend ein Fach auszuschließen, das der Jugendbildung förderlich ist
und sich in angemessener Form darstellen läßt. Wie oft bedauert der Lehrer in
seinem Unterricht, wegen Mangel an Zeit nicht länger bei einem Gegenstand
verweilen zu können. Hier tritt die Jugendschrift ergänzend ein und bietet den
Stoff anschaulich und ausführlich dar, von dem in der Unterrichtsstunde nur eine
Skizze gegeben werden konnte. Und wie sehnen sich oft begabte Knaben danach,
auf irgend einem Gebiete noch andere Wege beschreiten zu können als nur die
schmalen Pfade, welche der Lehrer sie zu führen gezwungen war. Die Verfasser
derartiger Schriften müssen den betreffenden Stoff vollkommen beherrschen und
sich in der Darstellungsweise der in Betracht kommenden Alters- und Bildungs
stufe anzupassen wissen — Biographien geschichtlicher oder sonst namhafter
Persönlichkeiten aus den bezeichneten Wiffensgebieten, für die ein Interesse bei
der Jugend vorausgesetzt oder geweckt werden kann, werden von- ihr gern gelesen.
Sie sind von der größten Wichtigkeit, weil sie vorbildlich wirken und für ideales
Streben begeistern. Sie sollen vor allem wahrheitsgetreu sein; es verstößt aber
nicht gegen die Wahrhaftigkeit, wenn Lebensverhältnisse unbesprochen bleiben, für
welche die Jugend noch kein Verständnis hat noch haben soll. Andererseits darf
sich der Verfasser nicht in die Wege des unbedingten Lobredners und Schön
färbers verirren; ruhmrednerische Zuthaten sind stets vom Übel. Biographien
von Fürsten sollten besonders bemüht sein, Byzantinismus zu vermeiden.
Wenn oben gesagt wurde, daß die Jugendschrift das religiös-sittliche Innen
leben des Kindes anregen und fördern solle, so gilt das zwar für alle Jugend
schriften (Grube bezeichnet seine Biographien aus der Naturkunde als in ..ästhe
tischer Form und religiösem Sinne" geschrieben); am leichtesten wird es aber
möglich sein und auch am ernstesten gefordert werden müssen bei der er-

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