Über Erziehung.
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nicht Unterrichtsautomaten, sondern lebendige Menschen sind, leiden unter ihr ebenso
wie ihre Schüler, die sie mit dem ganzen Einsatz ihrer Persönlichkeit vor ihrer ver
nichtenden Wirkung zu bewahren suchen. Deshalb hilft hier keine Reform, sondern
allein eine grundsätzliche Umkehr.
1. Es ist allgemein anerkannt, daß unsere Schulen die menschliche Entwicklung der
Jugend nicht fördern, sondern schädigen. Aus der ganzen Schar wundervoller Kinder,
die alle als eigenartige, ursprüngliche und feurige, lebensfrohe und lebenskräftige Er
scheinungen von ihr verschlungen werden, macht sie binnen wenigen Jahren durch ihren
so vorzüglich funktionierenden Betrieb eine fade, schlaffe, gelangweilte und interesselose
Gesellschaft, wo alle genialen und originalen Keime erstorben oder verkümmert sind.
Dieselben herrlichen Kindergestalten sind zehn, zwölf Jahre später mehr oder weniger
blutarme uno wurmstichige, blasierte und stumpfe, greisenhafte und nervös übermüdete
Geschöpfe ohne jugendlichen Überschwang der Kräfte, ohne heroischen Lebensdrang, ohne
Flug und Leidenschaft des Geistes, ohne Lebensmut und Abenteuerlust. Alle die jungen
Bäche, die munter, krystallklar, in eigentümlicher Farbe leuchtend, bald murmelnd, bald
schäumend hervorspringen, werden im Flachland der Schule zu einer großen, trägen
Flut, in der alle Eigenart untergeht. Alle höheren Interessen und Ziele sind von
praktischem Materialismus, Strebertum und Eitelkeit verschlungen. Sie haben das
Suchen verlernt und wußten auch gar nicht, was sie suchen sollten, sie sind auf dem besten
Wege, sich zu braven, geriebenen oder genußsüchtigen Bildungsphilistern auszuwachsen.
Alan sehe sich nur unsere Studenten an und höre die Klagen ihrer Professoren, wie sie
leben und studieren, wie gleichgiltig ihnen Wahrheit und Kultur, Kunst und Wissenschaft
gegenüber oer Berechtigung für irgend eine Lebensstellung mit Pensionsberechtigung ist.
Man achte nur auf die geistige Ode und Stumpfheit, auf die barbarische Unbildung
und Fachbeschränktheit unserer akademisch gebildeten Kreise in ihrer Stammtisch
atmosphäre, Familiensimpelei oder Beamtengespreiztheit. Und man denke endlich an
den peinlichen Mangel bedeutender Persönlichkeiten, unter dem wir heute auf allen
diesen Gebieten leiden. Das danken wir in erster Linie unseren berühmten Schulen
und der geisttötenden und entseelenden Verwüstung unserer Jugend durch sie.
2. Es ist eine ebenso allgemeine Erfahrung, daß die Schulen heutzutage der Ju
gend so wenig ursprünglich lebendiges Verständnis und tiefes, begeistertes Interesse für
das, was sie ihr lehren, zu wecken verstehn, daß sie ihr im Gegenteil alles verekeln,
was sie ihr nahe bringen. Wer interessiert sich, wenn er glücklich dem Gymnasium
entronnen ist, noch für die wunderbare Kultur Griechenlands, wer schöpft noch aus
dem Jungbrunnen des Christentums und ahnt etwas von der Herrlichkeit der mensch
lichen Bestimmung, die es uns offenbart? Wer hat noch ein Auge für die Schönheit
der Pflanzenwelt bis in ihre unscheinbarsten Erscheinungen, wer verfolgt noch die Ge
setze der Natur auf allen Gebieten, wer versteht noch Geschichte und hat Sinn für die
Probleme der Kultur, wer lebt noch in den Schöpfungen unserer Klassiker? — —
Unsere Schulen sind alle in ihrer Einrichtung auf Massendrill und nicht auf
individuelle Pflege, Erziehung und Bildung angelegt. Sie stehen auf dem unhaltbaren
Satze von der Gleichheit aller Menschen und nehmen in ihrer Einrichtung keinerlei
Rücksicht auf die persönliche Verschiedenheit der Kinder, so sehr man es im Betriebe
selbst versuchen mag. Sie sind also in ihrer Anlage wider die Natur und begründen
damit die verwüstenden Folgen, die jede Auflehnung gegen die Thatsache und Gesetze
der Natur nach sich zieht.
Schon die Aufnahme in die Schule vollzieht sich viel gewaltsamer und mechanischer
als selbst die Aushebung zum Militär, obwohl es sich hier um geistige Ausbildung
handelt, die doch viel weniger eine gleichmäßige Schultüchtigkeit voraussetzen kann.
Dort herrscht Auswahl, hier wird alles unbesehens tauglich befunden. Dort kann man
eine Reihe Jahre zurückgestellt, der Reserve überwiesen oder gänzlich ausgemustert wer
den. Hier werden alle, die das vorgeschriebene Alter haben, zwangsweise genommen
und, so verschieden sie auch sein mögen, in ein und dieselbe Klasse gepfercht. Gewiß,
es giebt einen Fall, wo ein Kind zurückgestellt werden kann, wenn ein ärztliches
Zeugnis die körperliche Schwächlichkeit bescheinigt. Aber der Geist und seine Entwick
lung ist in jeder Beziehung dabei ein quaatite aegligeable. Das Tollste aber für
jeden vernünftig denkenden Menschen ist, daß auch im ganzen Fortgang der Schul
erziehung die elementarste Bedingung jeder gedeihlichen Geistesbildung, die Sonderung
der Verschiedenartigen und die Auslese der Hervorragenden niemals Geltung gewinnt.
Der verschiedene Grad der Begabung wird nur als Hemmnis empfunden, die ver-
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