Die die Fackel tragen, sollen die Fackel weitergeben.
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Will man mit einem Worte bezeichnen, was unser Herr der alten Sitten
lehre hinzugefügt habe, so kann man sagen, er hat die Verbote in Gebote, die
passive Sittlichkeit in eine aktive umgewandelt. Sonst hieß es: Du sollst nicht.
Jetzt: Du sollst. Dem Jüngling, der das ganze Gesetz gehalten, d. h. der das
Verbotene nicht gethan hatte, wird befohlen, nun etwas.zu thun. Die Seele,
die sündigt, soll sterben, hatte Moses gesagt. Christus weist die Seelen hin
weg, die den Hungrigen nicht gespeist, dem Elenden nicht gedient haben.
Priester und Levit, die an dem Unglücklichen vorübergehen, haben nichts Böses
gethan, aber auch nichts Gutes, niemandem etwas zu Leide, aber auch nie
mandem etwas zu Liebe. Die Gleichnisse vom reichen Manne, von den thörichten
Jungfrauen u. a. wollen uns die Schwere der Unterlassung fühlbar machen»
Wir kennen alle das Wort: Ihr müßt Rechenschaft ablegen von jedem unnützen
Worte. Aber wie viel schwerer lautet es in der auch überlieferten Form: Ihr sollt
Rechenschaft ablegen von jedem guten Worte, das ihr nicht gesprochen habt.
Also auch jedes unterlassene Wort des Grußes, der Aufrichtung, des Trostes,
der Zurechtweisung, des Bekenntnisses fällt in das Gericht dessen, der den
faulen Knecht verurteilt.
Und wie war gerade dieser Knecht dazu gekommen, so zu handeln oder
vielmehr nicht zu handeln?
Er hatte von allen am wenigsten empfangen. Reich ausgestattete Geister
sind viel weniger in Gefahr, nichts zu thun. Der Fehler hochveranlagter
Menschen ist weniger, daß sie ihre Gaben, ihre Kenntnisse, ihre Rede, ihre
Feder, ihre Kunst, ihren Einfluß nicht gebrauchen, als daß sie dies falsch
gebrauchen. Sie fühlen schon von selbst in sich den Trieb, ihre Fackel weiter
zugeben, sie säen mit vollen Händen, wenn nicht aus den Geist, dann auf das
Fleisch; sie sind nicht träge oder faul, sie thun, wenn nichts Gutes, dann
Böses, wenn nichts den andern zuliebe, so ihnen zuleide.
Anders wer nur wenig empfangen hat. Wir Mittelmäßigen denken so
oft: Was kann ich nützen? Was kommt es auf mich an? Ich mit meinem
geringen Pfunde, ich gegenüber jenen reichbegabten Geistern! Lieber sich nicht
bloßstellen, lieber gar nicht anfangen!
Und das Schlimmste dabei ist, daß wir solche Unthätigkeit, solches Unter
lassen, oft gar nicht als Schuld fühlen. Wir sind uns häufig der Verant
wortung und der Gefahr gar nicht bewußt, die damit zusammenhängt; ja der
Gefahr.
Man sagt, die Fische, die seit Jahrhunderten in dunklen Höhlengewäfiern
leben, haben durch Nichtgebrauch ihrer Augen die Fähigkeit, zu sehen, ganz ein
gebüßt, sie sind blind geworden. Durch Nichtgebrauch verlernt der Mensch gar
vieles, was er gekonnt hat. Durch Mangel an Übung verliert er gar manche
Kenntnis. Es wird ihm so genommen, was er hatte und konnte.

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