50
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
schiedene Art der Begabung scheint aber auch nicht einmal geahnt zu werden. Denn
für alle herrscht derselbe Lehrplan, und für alle wird er in gleicher Weise traktiert.
Die Schwachen leiden dabei unter den Klugen und die Klugen unter den Schwachen.
So sinkt die „Geistesbildung" zur Überladung des Gedächtnisses mit fremdartigem
Wissen und zur Übung einer oberflächlichen Geschicklichkeit im sprachlichen Radebrechen
und in der Lösung mathematischer Aufgaben herab, die sich ebenso schnell wieder ver
liert, wie die eingeprägten Kenntnisie verschwinden.
Je höher die Schule, um so mehr steigt das Mißverhältnis. Am schlimmsten steht
es mit den Gymnasien und Realgymnasien. Welch eine Vergeudung der herrlichen
Jugendzeit! Um das geringe Ziel dieser „Reife" für die Universität, das jede höhere
Tochter privatim bequem in drei Jahren erreicht, zu erlangen, müssen unsere Jungen
bis zum 19. oder 20. Jahre ununterbrochen täglich ungefähr sechs Stunden in der
Schule sitzen und noch drei bis 4 Stunden daheim arbeiten. Hätten wir nicht den
Massenunterricht, und beschränkte man sich darauf, die jungen Leute in das Verständnis
einzuführen und zu selbständiger Bemächtigung der Gegenstände anzuleiten, statt ihnen
bis zur obersten Klasse alles vorzukauen und einzutrichtern, dann reichten zwei Stunden
täglichen Unterrichts bequem aus, dann gäbe es keine Langeweile, keine Zerstreutheit
und Träumerei, dann gäbe es freies, fröhliches Arbeiten daheim und eine Fülle freier
Zeit für die Ausbildung des Körpers, der jetzt einer zweifelhaften Geistesdressur zum
Opfer gebracht wird, und für die so wichtigen persönlichen Liebhabereien, in denen sich
die eigentümlichsten Anlagen offenbaren und die spätere Berufswahl vorbereitet.
Rach meiner Überzeugung aber, daß die Bestimmung der Menschen nicht zunächst
darin besteht, durch irgendwelche Berufsthätigkeit ein nützliches Glied der menschlichen
Gesellschaft zu werden, sondern Mensch zu werden, muß das Ziel aller Kindererziehung
und jeden Schulunterrichts in allererster Linie die allseitige Erziehung und Bildung des
jungen Menschen sein: Leben lernen und auch einer werden. Die Rücksicht auf eine
künftige Berufsausbildung muß vorläufig überhaupt ausgeschaltet werden, weil sie die
reine Bildung des jungen Menschen nur stört, und darf es, weil einer, der an sich
etwas geworden ist, mit gesammelter Energie und tiefem Interesse sich leicht jede be
rufliche Vorbildung verschaffen wird, auf die ihn seine Anlagen weisen und infolge
seiner persönlichen Reife den künftigen Beruf viel umfassender in seinen Studien be
gründen, ihn tiefer erfassen und viel ursprünglicher und geistesmächtiger erfüllen wird.
Daß die berufliche Fähigkeit durch die allgemeine Menschenbildung nur steigt und nicht
sinkt, dafür liefert die Gegenwart den negativen Beweis. Denn seit unsere höhern
Schulen sich immer mehr darauf beschränkt haben, die geistigen Fähigkeiten für wissen
schaftliche Thätigkeit auszubilden, sind die allgemeinen Jnteresien der Studenten auf
ihr Spezialfach zusammengeschrumpft, das Ziel ihrer Studien das Examen geworden
und jede ideale Auffassung ihres Berufes in eigennützigem Strebertum untergegangen.
-Der Mangel an starken, rückgratkräftigen und geistesmächtigen Persönlichkeiten in allen
Berufssphären ist ein notwendiges Ergebnis davon.
Dann gilt es, das gesunde Werden jedes menschlichen Wesens in seiner wunder
vollen Einzigartigkeit zu fördern, den ganzen Menschen zu wertvollem Sein und
ursprünglichem Können zuführen, sein Selbst- und Weltbewußtsein sich weiten und ver
tiefen zu lassen, und es mit der Sonne der Wahrheit zu erleuchten, ihn durch rechte
Behandlung und Belehrung in die Lebenskunst einzuführen, durch Selbstzucht freie
Selbständigkeit gewinnen zu lassen, den ganzen Reichtum seiner besonderen Anlagen zu
erschließen und ihnen die geeigneten Werdebedingungen zur völligen Entfaltung und
kräftigem Wachstum zu verschaffen. — —
Es giebt allenthalben Tierschutzvereine und eine lebhafte Agitation gegen die Vivi
sektion, aber die unsagbare Werdenot und Qual der Kinder in Haus und Schulen läßt
völlig ungerührt. Es giebt Hochschulkurse für alle Gebiete des Wissens und Könnens,
aber über Kindererziehung belehrt niemand die Menschen.
Im allgemeinen wirkt unser Schulunterricht nicht erzieherisch und kann es nicht, so
wie er ist. Das beweist zunächst das Verhältnis der Schüler zu den Lehrern, wie es
gegenwärtig herrscht, dann die Rolle, die die Strafen im Schulwesen spielen, immer
ein Zeugnis der Unfähigkeit im Erziehen, dann die Strafmittel, als da sind: hundert
mal abschreiben „du sollst nicht . . .", Nachsitzen, überflüssiges Auswendiglernen oder
Rechnen u. s. f., ferner die Art des Unterrichts, mag er sich nun in Form ärgerlicher
Gereiztheit, nervöser Ungeduld, feldwebelartiger Instruktion oder persönlicher Gleichgiltig
keit und sachlicher Kälte vollziehen, weiter der unpersönliche Verkehr mit den Schülern

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.