Über Erziehung.
51
vom Rechtsstandpunkte des Vorgesetzten aus und schließlich das Aufpeitschen des
Interesses durch Examina, das Anfeuern des Wetteifers durch Erregung der Eitelkeit
und Ehrsucht, und wie die unsittlichen Erziehungsmittel alle heißen.
Macht man aber gegen alle diese Klagen und Anklagen den Einwand der ver
schlafenen Trägheit und des gesättigten Behagens geltend, aus unseren Schulen gingen
doch gleichwohl eine große Anzahl ausgezeichneter Menschen hervor, so antworte ich mit
dem innern Vorbehalt, daß meine Ideale andere sind als ihre, zunächst: trotz der
Schule — und dann: Was wißt ihr denn davon, welch' eine Fülle herrlicher Menschen
aus dem Boden unsers Volkslebens erstehen würden, wenn nicht ihr Keimleben in der
Familie entartete, und der Schulreif in den Frühling ihres Lebens fiele! Das ahnt
nur der, der Blick für die Kleinsten hat und etwas von den Wundern und Verheißungen
spürt, die sie alle in sich bergen. Der weiß, wenn sie zur Entfaltung und Verwirk
lichung kämen, würden die Menschen erst wirklich der Herrlichkeit ihres Wesens und des
Wertes ihres Lebens inne werden, der weiß, die Menschwerdung liegt nicht hinter uns,
sondern vor uns.
Deshalb kann man nicht früh genug mit der Erziehung beginnen, jedenfalls lange
schon vorher ehe man ein Kind hat. Beginnt man erst dann damit, so ist schon das
meiste versäumt: die Grundlegung der Erziehung. Denn die Voraussetzung einer guten
Erziehung ist die gute Erzeugung, und woran es hier fehlt, ist durch keine noch so vor
treffliche Erziehung nachzuholen oder wieder gut zu machen, und wenn ein Engel vom
Himmel käme.
Nichts fördert so die Selbständigkeit, Sicherheit und Reife, als der große Respekt
vor sich selbst, als dem werdenden Träger und Schoß eines neuen Lebens. Unter der
freiwilligen Selbstzucht vor Vergeudung und Ausschweifung wächst die Manneskrast auf
allen Gebieten und stählt sich die sittliche wie körperliche, persönliche wie geistige Kon
stitution nach allen Richtungen. Wir wissen ganz genau, daß die Selbstzucht der Keusch
heit in der Jugend die schaffende und gestaltende Kraft beim Manne in höchster Span
nung allenthalben hervorbrechen läßt, in der Bildung und Stählung des Charakters
wie in der Macht des Willens, in der Schärfe und dem Tiefblick des Verstandes wie
in der genialen Conception, in der Schönheit der Seele wie in der Gesundheit, Lebens-
cnergie und Pracht des Körpers und in der ganzen elastischen Leistungsfähigkeit der
stürmischen Jugend. So bringt die Natur selbst durch die Leben schaffende Zeugungs
kraft zunächst den Menschen selbst zur höchsten Blüte, die möglich ist. heilt aus, veredelt,
kräftigt und verschönt das unzulängliche Gebilde bis zur höchsten unter dem obwaltenden
Erbe der Vergangenheit möglichen Vollkommenheit, wenn er ihr gehorcht, ehe sie ihn
dann mit Macht treibt, mit einem andern Wesen den Sinn des Lebens zu er
füllen. — —
Natürlich möchten die Eltern, daß ihre Kinder mehr seien, als sie selbst: nur ge
trost: sie werden es sein. Denn durch die ganze Fortpstanzung der Menschen geht ein
elementarer Zug nach aufwärts. Wäre der nicht vorhanden, so wäre die Menschheit
ja längst in ihrer Verwilderung unö Erkrankung zu Grunde gegangen. Das ist sie
nicht, weil die Natur trotz aller Hemmungen unbändig nach Ursprünglichkeit, Kraft und
Vollendung drängt. Das zeigt uns jedes Kind in der ersten Zeit seines Daseins: es
ist ein höheres Wesen, es ist reiner, reicher und vollkommener, als seine Eltern es sind.
Es ist nicht ein bloßes Produkt seiner Eltern, sondern es ist ein Mehr als sie. Darum
dürfen alle, die der Zukunft ihrer Kinder in ihrer Jugend gelebt haben, getrost der
Früchte ihres Lebens warten. Sie werden über sich hinaus schaffen und von ihren
Kindern sagen können: wohl ihnen, daß sie Kinder sind, denn sie werden weiter kommen,
als es uns möglich war! — —
Ein fauler Baum kann nicht gesunde Früchte bringen.
Wir sollten uns heiligen für diesen höchsten Gottesdienst des Lebens, wo wir ge
würdigt werden, Organe des göttlichen Schaffens zu werden, und alles andere ihm
unterordnen. Statt desien ist aber unsere heutige Unnatur des Lebens ein fortgesetztes
Verbrechen gegen das keimende Leben, eine unausgesetzte Hemmung und Schädigung
der kommenden Generation. — —
4*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.