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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
Bücher für Patriotische Feste.
Die Zahl der vaterländischen Feste wird allmählich groß. Es geht diese und jene
Unterrichtsstunde durch die Feiern verloren, und daher verdient die Frage, nach dem,
was dafür, daß der Unterrichtsstoff hier zu kurz kommt, eingetauscht wird, Beachtung.
Und nicht allein dies, sondern auch die Einrichtung der Feier muß überlegt werden und
zwar mehr als es vielleicht früher notwendig war. Dieser Umstand, sowie ferner das
Herannahen des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers mögen Veranlassung werden,
einige Bemerkungen über die Feier vaterländischer Feste zu machen und einige Bücher
aufzuführen, die zu solchen Feiern Material bringen.
Man steht solchen Büchern mit einer eigentümlichen Empfindung gegenüber. Beim
Festakte muß das Gemüt sprechen, die Begeisterung soll den Hörer fortreißen. Da ist
leicht dem einen zu wenig Wärme vorhanden, einem andern aber zu viel, und der redet
dann von der Absicht, die man merke und durch die man verstimmt werde. Dieser
Umstand nötigt dazu, daß jeder sich seine Feier selbst gestalte, damit sie seiner Empfin
dung und dem Tone entspreche, auf den die Arbeit, die zur Erzeugung vaterländischen
Gefühles verrichtet wird, gestimmt ist. Überdies bestehen so viele besondere Verhält
niße in den verschiedenen Schulen, daß es kaum möglich ist, etwas für viele Brauch
bares zu liefern. Selbst äußere Umstände (der Besuch des Wupperthales durch das
Kaiserpaar) nötigen den Lehrer dazu, selbst zu arbeiten. Dazu nötigt auch eine andere
Überlegung. Das Gefühl der Vaterlandsliebe darf nicht einem Strohfeuer gleichen,
das leicht verfliegt: es ist nicht genug für die Erzeugung desselben gethan, wenn die
Kinder „hoch" rufen; es soll vielmehr in der Tiefe des Herzens wurzeln. Da müssen
die Vorstellungen, an denen es haftet, so vielfach, als es nur möglich ist, mit dem ge
samten Gedankenkreise verwoben werden, daß sie ein unablösliches Teil des inneren
Menschen werden. Geschieht dies nicht, so fehlt dem ganzen Baue die Widerstands
fähigkeit. Kommt dann später der Sturmwind der socialdemokratischen Ideen, so fällt
er zusammen. Zu den Maßnahmen, die die Erzielung der Vaterlandsliebe bezwecken,
gehört nun auch die Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und die anderer
Gedenktage, und in diesem Rahmen müssen sie betrachtet werden. Darum gelten auch
für sie pädagogische Gesetze, und man darf nicht den Zufall walten lasten. Daraus
ergiebt sich, daß die Stoffe, die man dabei benutzt, aus dem Unterrichtsplan genommen
oder ihm doch so nahe stehen müssen, daß man annehmen kann, es komme ihnen ein
genügend reicher Gedankenkreis entgegen. Die bearbeiteten Stosse erscheinen dem nicht
nur in dem neuen Lichte, das die Feier über sie ausgießt, sondern sie tragen und stützen
auch die Empfindungen, die die Feier selbst erweckt. Dabei braucht man in der Aus
wahl von Gedichten gar nicht so ängstlich zu sein und nur solche zu wählen, die sich
auf die Person des Kaisers beziehen, wie man auch nicht nur von ihm zu reden braucht.
Liebe zum Vaterlande ist nicht nur Liebe zum Kaiser, sondern Liebe zum gesamten
deutschen Volkstum, und darum sehe ich nicht ein, warum nicht beispielsweise eine
Schillersche Ballade soll deklamiert werden, oder warum man nicht solle etwa von
Körner reden können. Freilich ist es erwünscht, daß die Auswahl sich möglichst im
Rahmen der Geschichte halte; auch muß die Person des Kaisers zur Geltung kommen,
denn es ist sein Geburtstag. Aber man kann doch die Feier auf einen breiteren Boden
stellen und dann auf die eigenen speciellen Bedürfnisse in Unterricht und Erziehung
Rücksicht nehmen. Auf diese Weise fügt sich dann die Feier wie ein Stein organisch
dem Baue, den die Erziehung aufrichten will, ein. — Man kann freilich auch anders
verfahren. Dann nimmt man ein beliebiges Buch, verteilt die Gedichte und Prosastücke
und läßt nun, unbekümmert um den Unterricht am Tage der Feier seine Lieder singen,
die Gedichte deklamieren, die übrigen Abschnitte deklamieren, hält auch selbst eine An
sprache, und die Feier ist vorbei. Das aber ist keine Maßnahme einer planvollen Er
ziehung zur Vaterlandsliebe: das rauscht vielmehr vorüber, wie die Master eines Platz
regens. Zwar macht auch hier das Kind eine Erfahrung, die mit ganzer Ursprüng
lichkeit — aber doch wohl nur flüchtig — wirkt; im andern Falle aber ist ein ge
sichertes Ergebnis zu erwarten. Auch diese Überlegungen nötigen jeden Lehrer, daß er
seine Feier selbst gestalte.
Von diesen Gedanken ausgehend, möchte man alle Bücher ablehnen, die Aus
arbeitungen von Feiern bringen, und in der That ist ein großer Teil derselben nicht

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