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I. Abteilung. Abhandlungen.
Dagegen Übung macht den Meister. Jeder wohlüberstandene Sturm ver
mehrt das Können und die Zuversicht des Steuermannes. Jede gelungene Kur
erhöht die Sicherheit des Arztes. Wer da hat, wer Fleiß, Ausdauer hat, dem
wird gegeben.
So kann die Treue das Kleine groß machen.
Als der alte Kaiser Wilhelm I. unsern jetzigen Kaiser aus dem freien
Studentenleben in das enggebundene Soldatenleben einführte, wo auch auf
Kleinigkeiten ein großer Wert gelegt werden muß, da sagte er zu ihm: Im
Dienste ist nichts klein. Gewiß ganz im Sinne unseres Meisters, der die
Treue im Kleinen so hochgestellt, damit wir in kleinen Dingen und mit kleinen
Kräften und im kleinen Kreise zeigen große Treue.
Sehen wir doch, wie gütig der Herr im Gleichnis die beiden ersten Knechte
mit denselben anerkennenden Worten begrüßt. Sie haben bei verschiedenen
Gaben gleiche Treue bewiesen. Sie erhalten gleichen Lohn: Gehet ein zu eures
Herrn Freude.
Und zwar spricht der Herr: Ihr seid über Wenigem getreu gewesen.
Er hatte ihnen doch viel gegeben. Wir haben doch anzunehmen, die fünf
Centner sollen das höchste Maß aller irdischen Gaben bedeuten. Er hatte sie so
reichlich ausgestattet, um ihnen einen Beweis seines Vertrauens zu geben und
dadurch in ihnen das Gefühl der Verantwortlichkeit zu schärfen. Denn wem
viel gegeben ist, von dem wird man auch viel fordern.
Goethe giebt einmal den Rat: Wenn wir die Menschen nehmen, wie sie
sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, wie
sie sein sollen, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind. Vertraue
dem Halbguten, und er wird gut. Mute deinem Zögling Fähigkeiten zu, und
er wird sie entwickeln, halte ihn für unbildbar, und er wird es bleiben.
Verfährt Gott der Herr mit seinen Kindern nach diesem Grundsatz? Oft
jedenfalls vertraut er uns Gaben, Fähigkeiten, Ämter an, nicht weil wir sie
verdient haben oder ihrer würdiger sind als andere, sondern er mutet uns zu,
dieses sein Vertrauen zu rechtfertigen, immer mehr hineinzuwachsen in den rechten
Gebrauch seiner Gaben.
Aber wie groß auch immer für irdische Verhältnisse seine Gaben sein
mögen, verglichen mit den zukünftigen sind sie klein. Du bist über wenigem
getreu gewesen, sagt er auch zu dem, dem das reichste Maß zuteil geworden
war, den wir zu suchen haben unter der kleinen Zahl der außerordentlichen
Geister, deren Leuchte Jahrhunderte erhellt. Und doch in Gottes Augen und
verglichen mit dem, was in keines Menschen Sinn gekommen ist, ist es nur
wenig. Welch ein Trost für uns Mittelmäßige! Wir kommen uns mit Recht
oft so klein vor gegenüber jenen Reichbegabten. Aber es ist unserer Treue das
gleiche verheißen. Wie schnell wird die Ewigkeit ausgleichen, was hier durch

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