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I. Abteilung. Abhandlungen.
heilen. So lehren wir im Anschluß an den „Hund mit dem Fleische" folgende
Wörter unterscheiden: Der Kern der Kirsche — gern haben; etwas begehren —
sich bekehren vom Schlechten zum Guten; die Gier — gierig; die böse Be
gierde — er begehrte u. s. w. Hierauf üben wir die Schüler in der Unter
scheidung der Wortart, indem wir nachstehende Wörter vorführen und die Groß
oder Kleinschreibung erklären und begründen lassen: Laden—laden, Blicke—blicke,
Stahl—stahl, Schwamm—schwamm u. s. w.
Was jedoch die Hauptsache an diesen Übungen ist, ist die naturgemäße Ein
ordnung. Es liegt stets ein zwingender Anlaß vor, gerade diese Wörter an
diesem Orte unter diesem Gesichtspunkte zu behandeln. Von Willkür, Zufall,
leitfadenmäßiger Vorschüttung und Überfütterung kann keine Rede sein. Minde
stens das eine Wort des Paares ist in der Stoffeinheit vorgekommen und ver
anlaßt uns, nun auch seinem Doppelgänger genau ins Gesicht zu schauen, um
unliebsamen Verwechslungen vorzubeugen. Dadurch entfällt auch der häufig ge
rügte Mißstand, daß die Kinder noch gar nicht die behandelten Wörter brauchen
oder daß sie die, welche sie in ihren Arbeiten bedürfen, noch nicht „gehabt" haben.
Die Sprachlehre wird, wie schon angedeutet, übungsweise, gebrauchsmäßig
vom ersten Tage an der Schülerschaft in Fleisch und Blut übergeführt. Nicht
die Kenntnis der grammatischen Fachausdrücke, die Bezeichnungen der Satzarten
und Satzglieder spielen die Hauptrolle und zwängen die gesamten Übungen in
ihren engen und beengenden Schnürleib. Mit Recht rügt Dr. Sachse gerade
solche Aufgaben: Bildet zusammengesetzte, zusammengezogene, Beifüge-, Ergänzungs
sätze, Satzverbindungen und Satzgefüge; denn kein Mensch denke beim Schreiben
an die grammatische Einkeilung der Sätze, nicht einmal der Erwachsene. Diesem
Vollständigkeitsteufel, Leitfadenunfug und wie man den grammatischen Materialis
mus oder Formalismus und Systematismus auf gut deutsch noch brandmarken
mag, ist in der „Übungsschule" nicht gehuldigt worden, wenngleich natürlich auch
für alle Bedürfniffe reichlich gesorgt worden ist. Aber die sprachlichen Form
übungen dienen höheren Rücksichten. Sie entwickeln im Schüler, wie Hildebrand
heischt, durch die Übung das Gefühl einer Regel, und wo es für angebracht
angesehen ward, da ward dann auch im rechten Augenblicke die Regel gegeben,
aber nicht als ein strenger. Strafe androhender Gebieter, nicht als ein finsteres
Sollen, sondern als ein in ihnen selbst schon vorhandenes wirksames Gesetz,
besten Entdeckung die Übungen erleichtert und das Gefühl der Sicherheit verleiht.
Darum flechten wir schon in der dritten Einheit des 1. Heftes den Gebrauch
der Fürwörter er, sie, es ein, natürlich ganz nach dem Sprachgefühle. Die
sprachlichen Formübungen, wie Biegungen, Abwandlungen, „Befallungen" (Rektion)
haben zumeist die Aufgabe, den rechten Gebrauch der Schriftsprache zu verbürgen
und Fehler zu verhüten. Daher ziehen sie sich durch alle Einheiten hindurch.
Dadurch wird auch dem Vergessenwerden am sichersten vorgebeugt. Es muß eben

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