Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 7
einen tiefen Abgrund als hoch und tief, reich und arm, gebildet und ungebildet,
Genie und Beschränktheit getrennt war!
Wie der König im Gleichnis, so ist unser Herr dereinst von der Erde fort
gezogen und hat seinen Knechten seine Gaben hinterlassen, daß sie den rechten
Gebrauch davon machen sollten. Möchten wir uns auch in diesem neuen Jahre
und allezeit als treue Knechte bewähren, die Fackel weitergeben, die Talente nutz
bar anlegen, damit wir vor ihm bestehen, und er uns zurufen kann: Ei du
frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen. Ich will
dich über vieles setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude.
Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung
unserer Muttersprache.
Von Fr. Linde, Hauptlehrer in Weidenau (Sieg).
Es gewährt dem denkenden Menschen einen eigentümlichen Reiz, über die
Entstehung und Entwicklung seiner Sprache nachzudenken. Seit Plato haben sich
unzählige Männer mit dem Problem der Entstehung der Sprache überhaupt
beschäftigt; zu einem allgemein befriedigenden Resultat ist man nicht gelangt.
Einig ist man indessen darin, daß die Sprache die absichtliche, bewußte
Mitteilung oder Äußerung eines inneren Zustandes, das Re
sultat eines allerdings sehr komplizierten psychischen Prozesses ist. Wenn
man das zugiebt — und es liegt kein Grund vor, es zu bestreiten — so muß
man auch der Behauptung zustimmen, daß mit dem wachsenden psychischen Leben
auch die Sprache wachse. Der Naturmensch besitzt eine Anzahl von Vorstellungen
aus seiner Umgebung, mit denen sich die sprachlichen Bezeichnungen, die Wörter,
in der Seele associiert haben. Diese Vorstellungen gehen wieder untereinander
die mannigfaltigsten Verbindungen ein; es entstehen Vorstellungsgruppen, die
wiederum, sei es durch Mangel an Stärke oder durch Hinzufügung eines Neuen
oder durch damit zusammenhängende neue Associationsverhältnisie, immer wieder
verschoben werden. Darunter müssen dann auch die lautlichen Verbindungs
bestandteile leiden. Der Schwankung sind die auf die Sprache bezüglichen Vor
stellungsgruppen um so mehr ausgesetzt, als sie bei jedem Individuum eine eigen
tümliche Gestalt haben. Und schon bloß aus der Beachtung der eigentümlichen
Veränderlichkeit und der eigentümlichen Gestaltung eines jeden einzelnen
Organismus ergiebt sich die Notwendigkeit einer unendlichen Veränderlichkeit der
Sprache?) Dazu kommt noch, daß der geistige Horizont des Menschen, wenn
y Paul, Principien der Sprachgeschichte. 3. Aufl. Halle a. S- S. 25.

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