Bemerkungen über den kirchengeschichtlichen Unterricht rc.
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Erziehung hat, oder ob ihre Aufgabe mit der der biblischen oder mit der der
Profangeschichte zusammenfällt.
Es soll hier nicht untersucht werden, wie sich die Hintansetzung der Kirchen
geschichte erklärt, dagegen dürfte es angezeigt sein, einige Untersuchungen darüber
anzustellen, ob diese Vernachlässigung berechtigt ist. Das wird uns darauf führen,
welchen Dienst die Kirchengeschichte dem Erziehungsgeschäft leistet, wodurch zugleich
die ihr eigentümliche Aufgabe genannt sein wird. Daraus wird sich die zweite
Frage ergeben, durch welche Behandlung es möglich ist, den bezeichneten erziehlichen
Erfolg einigermaßen zu sichern.
Die Vernachlässigung der Kirchengeschichte ist sicher nicht am Platze, wenn
wir die Bildung sittlich-religiöser Charaktere anstreben. Die nivellierenden und
minierenden Geistesmächte sind rastlos thätig, um ideale Charaktergestalten nicht
aufkommen zu lassen. Darum bemühen wir uns mit Recht, durch die Einführung
in die Gedanken, Gefühle und Willensentschlüsse großer Persönlichkeiten auf die
Bildung des Zöglings einzuwirken. Insonderheit sollen von der göttlichen Gestalt
Jesu Strahlen ins kindliche Herz fallen und wiederscheinen. Außerdem aber
kommen eine Reihe Persönlichkeiten in Betracht, in denen der Geist Christi
wirkte. An solchen Persönlichkeiten ist die Kirchengeschichte reich. Weshalb ver
zichtet man darauf, den Kindern das Leben Pauli, Polykarps, Hußens, Luthers,
Franckes, Wicherns vorzumalen, und nimmt dagegen Kain, Isaak, Jakob, Simson,
David, Salomo in der Schulzeit so oft mit ihnen durch? Es ist doch zu
bezweifeln, ob diese jüdischen „Gottesmänner" sie im Leben als schützende Genien
umschweben; vielleicht gewinnen sie manchem später nur ein Achselzucken oder ein
Lächeln ab. Die Gestalten aus der Kirchengeschichte dagegen erfüllt christliches
Fühlen und christliches Wollen. Glaubenstreue, Heldenmut, Streben nach christ
licher Vollkommenheit, heilige Liebesbethätigung, Frievens- und Feindesliebe, das
sind Tugenden, die uns hier entgegentreten. Es steht auch nicht zu befürchten,
daß durch eine eingehendere Behandlung der Kirchengeschichte der biblische Religions
unterricht beeinträchtigt wird. Für uns Evangelische ist und bleibt die Bibel
die Hauptquelle und der Maßstab unserer religiösen Erkenntnis. „Vor allem
werden wir als gute Protestanten darauf bedacht sein müssen, daß der Zögling
sein gesamtes religiöses Geistesleben zur Heiligen Schrift als der lautersten Quelle
religiösen Lebens in das rechte Verhältnis setzt" (Thrändorf, 20. Jb. f. w. P.
S. 130). Man kann sogar erwarten, daß durch den kirchengeschichtlichen Unter
richt die Schriftgedanken völliger apperzipiert und das Schriftverständnis wesent
lich vertieft wird. Wenn man den kirchengeschichtlichen Unterricht von diesem
Gesichtspunkt ansieht, so wird man nicht Gefahr laufen, eine Heiligengeschichte
im katholischen Sinne daraus zu machen. Unserm reformatorischen Geiste wider
spricht es, auf Kosten der Wahrheit vorbildliche Gestalten über Menschengröße
hinaus zu verherrlichen. Aber sollen wir darum flüchtig an ihnen vorübergehen?
Sollen wir nicht vielmehr unsre Zöglinge an ihnen begeistern?
Fassen wir zusammen. In der Erziehungsschule sind die sittlich-
religiösen Charakter ge st alten eingehender als bisher zu be
handeln, da sie unsern Zöglingen nachahmenswerte Vor
bilder sind.
Wenn nun auch zugestanden wird, daß wesentlich christliche Tugenden in
der Kirchengeschichte zur Anschauung kommen, so bleibt doch noch dahingestellt,
wieweit die Apperzeptionsfähigkeit der Volksschüler reicht, um die wirkliche Be

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