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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
deutung der Männer zu verstehen. Wollen wir uns mit Episoden aus ihrem
Leben begnügen, oder wollen wir auch nach den innern Gründen ihres Thuns
fragen? Die kirchengeschichtlichen Persönlichkeiten haben sich zur höchsten Stufe
sittlich-religiöser Entwicklung, zur christlichen Freiheit im Glauben und Wollen,
hindurchgerungen. Wir dürfen uns aber nicht verhehlen, daß es unserm
13' bis 14jährigen Volksschüler unmöglich ist, diese, Glaubenshöhe innerlich ganz
zu erfassen. Er nimmt die Lehren des Christentums noch mehr oder weniger
deswegen an, weil sie ihm von Autoritäten überliefert sind, und seine sittlichen
Grundsätze tragen immer noch den Stempel der willigen Unterwerfung unter
das Gebot. Er steht eben noch auf der Schwelle von der zweiten Entwicklungs
stufe seines sittlich-religiösen Lebens zur dritten und höchsten. Allerdings geschehen
in diesem Alter die ersten Schritte zur innern Freiheit des Christenmenschen.
Besonders bevorzugte Individuen mögen in ihrer Entwicklung ein wenig fort
geschrittener sein. Wenn unsre Kinder aber begonnen haben, das höchste Wesen
des Christentums zu verstehen, so müssen sie in dieser Entwicklung kräftig
gefördert werden. Sind wir nicht alle noch Schüler und Anfänger im Christen
tum, von denen es heißt: „Nicht, daß ich es schon ergriffen hätte, ich strebe
ihm aber nach?" Zweifellos sind nun die innere Größe und die tiefere Be
deutung mancher kirchengeschichtlichen Persönlichkeit sehr geeignet, die gekennzeichnete
Entwicklung unsrer Zöglinge fruchtbar zu fördern. Paulus und Luther sind in
erster Linie Führer auf diesem Wege. So führt uns der Einwand, ob die
Apperzeptionsfähigkeit unsrer Schüler ausreiche, die Bedeutung der kirchen
geschichtlichen Männer zu verstehen, zu einem wichtigen Grunde für eingehende
Behandlung der Kirchengeschichte in der Volksschule.
Es ist eine ausführlichere Behandlung der Kirchengeschichte zu fordern,
weil dadurch die Zöglinge in ihrer Entwicklung von der Ab
hängigkeit und Gebundenheit im Glauben und Wollen zur
Selbständigkeit und Freiheit des sittlich-religiösen Charakters
wesentlich gefördert werden können.
Es erübrigt nun noch einen besondern Anteil zu untersuchen, den die
Kirchengeschichte am Erziehungsgeschäft hat. In der Heiligen Schrift ist die
Gründung des Gottesreiches und seine Entwicklung in den ersten Jahrzehnten
überliefert. Durch die Einführung in diese Geschichte, sowie durch das christliche
Familien- und Gemeindeleben wird in den Kindern das Gefühl der Zugehörigkeit
zur christlichen Gemeinschaft erzeugt. Sie sollen hineinwachsen in die Sitten und
Gewohnheiten, in die Gesinnungen und Bethätigungen dieser Gemeinschaft. Das
wird erreicht hauptsächlich durch ein Durchleben der Geschichte der Kirche, und
zwar bis in die Gegenwart, mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte des
eigenen Bekenntnisies.
Die religiösen Ideen haben im Laufe der Jahrhunderte ein gar verschiedenes
Gewand getragen, je nachdem sie mit mehr oder weniger Kraft, Lebhaftigkeit
und Reinheit in die Erscheinung getreten sind. Die Geschichte der christlichen
Kirche ist ein fortlaufendes Zeugnis davon, wie der Heilige Geist die Christenheit
berief, sammelte, erleuchtete, heiligte und erhielt im rechten einigen Glauben.
Oft hatte der Geist eine harte Arbeit mit dem stumpfsinnigen, oberflächlichen
und weltliebenden Menschengeschlecht. Nicht selten tragen seine sichtbaren Wirkungen
Erdgeruch an sich. Der Heilige Geist führt einen Kampf mit dem unheiligen
Geiste der Selbstsucht, des Fanatismus und des Unglaubens. Auch unsere

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