76 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
kirchengeschichtliche Unterricht erst rechte Ähnlichkeit mit dem andern Religions
unterrichte.
Welche Stoffe sind nun besonders geeignet, dem bezeichneten Zwecke zu
diene»? Die gründliche Behandlung des Lebens Pauli ist so oft gefordert
und eigentlich so selbstverständlich für uns evangelische Christen, daß man sich
nur wundern kann, wie wenig Zeit und Sorgfalt oft darauf verwendet wird,
diese gewaltige Persönlichkeit in die Kinderseelen zu pflanzen. In Bezug auf
die methodische Durcharbeitung verweise ich hier nur auf Staubes und Thrän-
dorfs Präparationen über die Apostelgeschichte in Verbindung mit passenden
Stellen aus den paulinischen Briefen und mit dem dritten Artikel. Die helden
mütigen Charaktere und wunderbaren Schicksale aus der Zeit der Christen
verfolgungen lernen wir recht anschaulich kennen aus Stellen aus der Kirchen
geschichte des Eusebius und andern Quellen. Zu behandeln wäre etwa: Welchen
Lebenswandel die ersten Christen führten, wie der Kaiser Nero sie verfolgt, wie
ein römischer Statthalter in Kleinasien (Plinius) den Kaiser Trajan wegen der
Christen um Rat fragt, wie der Bischof Polykarp verbrannt wird, wie der
Knabe Cyrillus standhaft bleibt (Geroks „Ich bin ein Christ), wie das Heiden
tum den letzten schwersten Schlag gegen das Christentum führt, wie das Christen
tum siegt. Was die Kinder in reichgegliederten Schulen aus den Lehrstreitigkeiten
der ersten Jahrhunderte wissen sollen, würde ich dem Katechismusunterricht
zuweisen. Der Faden der Kirchengeschichte spinnt sich mit der weitern Aus
breitung des Evangeliums, besonders durch Bonifatius in Deutschland, weiter,
wobei uns Willibalds Darstellung von dem Leben des Bonifatius als Quelle
dient. Die Erkenntnis von der innern Kraft des Evangeliums, die die Kinder
aus dieser Periode gewinnen können, dürfte nicht wenig zur freien Festigung
ihres Glaubens beitragen. Die Geschichte des Mittelalters soll unser Zögling
nicht durchleben; denn sie stellt eine rückwärtsschreitende Entwicklung dar. Nur
soweit ist diese Zeit zu berücksichtigen, als ihre Erscheinungen die Reformation
als eine notwendige Folge erkennen lassen (Mönchtum, Papsttum). Der Schwer
punkt der Behandlung setzt mit der Reformatiousgeschichte ein. Luthers Werk
muß unter dem Gesichtspunkt aufgefaßt werden, daß er die Arbeit des Apostels
Paulus fortsetzt, indem er die Christenheit von der äußeren Autorität befreit und
zur selbständigen, freien Unterordnung unter ein selbst erfaßtes Ideal, vom
Gesetz zum Evangelium der Gnade führen wollte. Damit den Kindern eine
Ahnung von der Bedeutung dieses Werkes aufgeht, genügt aber die Mitteilung
des geschichtlichen Verlaufes der Reformation nicht; vielmehr müssen Stellen aus
Luthers Schriften eingehend besprochen werden. So belehren die wichtigsten
Thesen die Kinder darüber, wie Luther über die Buße dachte, ein Auszug aus
dem Schreiben an die Ratsherren und Bürgermeister, wie er die Schulbildung
der Christen regeln wollte; aus der „Freiheit eines Christenmenschen" erfahren
die Kinder, wie er die Christen aus der Werkgerechtigkeit der Kirche erlöste und
auf die Hauptsache der Lehre Christi, der liebeswarmen Bethätigung ihrer
Herzensgesinnung, drang. Ferner soll Luthers Rede auf dem Reichstage zu
Worms den Zöglingen ein Zeugnis von seiner Glaubenszuversicht geben. Ob
die Leipziger Disputation und das Marburger Religionsgespräch nach den Quellen
besprochen werden, hängt von dem Charakter der Schule ab. Dagegen ist auf
Luthers Familienleben ganz besondere Sorgfalt zu verwenden, wozu Briefe an
seine Frau, seine Kinder und seine Freunde geeigneten Stoff bieten. Daraus

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