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I. Abteilung. Abhandlungen.
er nicht an die Scholle festgebunden ist, stetig an Ausdehnung gewinnt. Wie
jetzt noch das Kind, so machte auch der Urmensch Entdeckungsreisen; er zog
immer größere Kreise und nahm dabei einen wachsenden Reichtum an Vor
stellungen auf, die natürlich der sprachlichen Bezeichnung bedurften. Die physi
schen Objekte (wenn man so sagen darf) beeinflußten also das psychische
Geschehen. Andrerseits trat aber auch das Gegenteil ein: der menschliche
Geist beschäftigte sich mit den Objekten der Außenwelt, überlegte ihre Verwend
barkeit und Verwertung für sich, trat zu diesem Behufe mit den Genossen in
Verbindung, und mit mehr oder weniger Geschicklichkeit seiner Hände bearbeitete
er das Außending für seine Zwecke. Damit nahm das seinen Anfang, was
man Kultur nennt. Der wesentliche Faktor aller Kulturbewegung, um den sich
alles dreht, ist unstreitig das psychische Element. Durch die Wechsel
wirkung des psychischen Geschehens und der physischen Objekte
aufeinander einerseits und der Wechselwirkung der verschiedenen Individuen andrer
seits wird ja eine höhere Kultur erst ermöglicht?) Wie ohne Zusammenwirkung
des menschlichen Geistes mit dem menschlichen Leibe und der umgebenden Natur
kein Kulturprodukt hervorgebracht werden kann, so würde auch ohne Zusammen
wirken mehrerer Individuen in der Gesellschaft ein Wachstum erschwert, ja un
möglich sein. Allein schon durch die Absicht, seine Erfahrungen, Wünsche und
Bedürfnisse andern verständlich zu machen, mußte die, wenn auch noch so einfache
Kultur einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Sprache haben. Arbeits
teilung und Arbeilsvereinigung, sowie ferner der gegenseitige Austausch der
Kulturprodukte helfen also ausgestaltend auf die Kultur, auf den Menschengeift
und auf die Sprache. Die jüngere Generation tritt die Erbschaft der älteren
an; der Sieger beerbt den Besiegten, der eine Stamm den befreundeten andern.
Vermehrte Produktion erheischt Absatz in andern Gebieten. Der Händler läßt
mit dem Kulturprodukt meist auch die sprachliche Bezeichnung zurück. Mit dem
Wachstum der menschlichen Kultur mußte daher notwendiger
weise eine Vermehrung des Wortvorrates erfolgen. Das lag
sowohl im Wesen des menschlichen Geistes als auch der Sprache und Kultur.
Dieser respektable Wortvorrat war anfänglich durchaus konkreter Natur.
Es wurde schon darauf hingewiesen, daß er sich in der verschiedenartigsten Weise
associieren mußte. Die erworbenen Vorstellungen mußten sich danach auf ebenso
naturgesetzlichcm Wege durch Verbindung des Gleichartigen zu höheren geistigen
Gebilden gestalten. Der Mensch erreichte eine höhere Stufe seiner
geistigen Entwicklung. Mit dem Erstarken derselben, woran die sich
ausbreitende Kultur einen wesentlichen Anteil hatte, schloffen
*) Paul, Grundriß der germanischen Philologie. 2. Aufl. Straßburg. Bd. I,
S. 160.

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