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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
richtspensum, wie es durch den „Lehrplan für den Religionsunterricht in den ev.
Schulen der Rheinprovinz" vom Jahre 1893 gegeben ist, als viel zu weit
gehend für die Leistungsfähigkeit unserer Volksschule und als eine schwere Last
für den gewissenhaften Lehrer, zumal durch die detaillierte Verteilung der Pensen
bis ins Kleinste hinein jede freie Entfaltung der Persönlichkeit und eine Berück
sichtigung der eigenartigen Bedürfnisse jeder einzenen Schule unmöglich gemacht
werde. Bezüglich der Stoffanordnung machte nun Ref. folgende Vorschläge.
In dem ganzen Religionsunterricht der Volksschule muß Christus Jesus das A
und O sein. Auf der Unterstufe soll deshalb versucht werden, den Kindern ein
elementares Lebensbild Jesu zu vermitteln. Die Mittelstufe, das 3. bis 5.
Schuljahr behandelt die Geschichten des Alten Bundes. Damit aber auch hier
Christus im Mittelpunkt des Bewußtseins stehe, müssen die christocentrischen Be
ziehungen in einfacher und ungezwungener Weise überall zur Geltung gebracht
werden. Die Oberstufe endlich erhält auf Grund des Neuen Testamentes ein
Lebensbild Jesu, ersteres aber nicht in pragmatischer Weise. Den Katechismus
verwarf Ref. für die Mittelstufe durchaus, desto mehr sollte das Kirchenlied hier
schon zu seinem Rechte kommen. Auf dieser Grundlage müßte nun der kirchliche
Religionsunterricht weiterbauen, indem er in das tiefere Schriftverständnis und
in das Bekenntnis der Gemeinde einführte. Erst dann, ivenn sich so Schule
und Kirche reinlich und friedlich bezüglich ihrer besondern Zwecke und Aufgaben
auseinandersetzen, wird etwas Ganzes und Wesentliches erreicht werden können. —
Wie sehr der Vortrag die Zühörer interessiert hatte, zeigte sich in der lebhaften
Diskussion, die sich unmittelbar anschloß und hauptsächlich bei der zuletzt
erörterten Frage der Stoffmenge und Stoffanordnung einsetzte. Da mau sich
der Bitte des Ref. entsprechend an die Kernpunkte hielt und Unwesentliches ver
mied, so hoben sich aus dem Für und Wider der Meinungen allmählich feste
Gedanken heraus, die in der Hauptsache etwa folgendes ergaben.
1. Der Religionsunterricht der Unterstufe soll unmittelbar mit der biblischen
Geschichte beginnen, ein ethischer Ersatz derselben durch gesinnungskundliche Stoffe,
wie sie Ziller und seine Anhänger fordern, muß abgelehnt werden, weil die Er
fahrung übereinstimmend bezeugt, daß bestimmte religiöse Stoffe der Natur des
Kindes mehr kongenial sind, als Fabeln, Märchen oder die Erlebnisse Robinsons.
2. Wenn man im 1. Schuljahr auf den eigentlichen Religionsunterricht
verzichten will, weil durch die intellektuelle oder sprachliche Armut der Kinder
die Heiligkeit des Gegenstandes Gefahr laufe, profaniert zu werden, so stellt
man an den Religionsunterricht dieser Altersstufe falsche Anforderungen. Der
selbe soll seinen Schwerpunkt nicht in der sprachlich einwandfreien Darstellung
seitens der Schüler suchen, sondern vielmehr in dem möglichst anschaulichen dar
stellenden Erzählen durch den Lehrer und einer einfachen dem kindlichen Verständ
nis angepaßten Besprechung, die auch dem sprachlich ungeübten Anfänger gerecht
werden kann.
3. Die religiösen Stoffe, welche auf der Unterstufe zur Behandlung kom
men sollen, bilden zunächst solche Züge aus dem Lebensbilde Jesu, die besonders
die Kinder ansprechen, außerdem aber auch diejenigen Geschichten aus dem Alten
Testament, welche sich auf dem Boden eines einfachen Familienlebens abspielen,
vor allen Dingen die Josephsgeschichten und vielleicht auch die Ruths.
4. Der Mittelstufe ist vorzugsweise das Alte Testament zuzuweisen, wobei
natürlich die Festgeschichten aus dem Neuen Testament bei entsprechender Ge
legenheit berücksichtigt werden.

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