Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 9
sich nunmehr Gebiete auf, die der direkten Anschauung nicht zugänglich waren
und daher aus dem immerhin schon zahlreichen Wortvorrat nicht sofort bezeichnet
werden konnten. Und doch nötigte die Stärke des seelischen Vorganges zur
sprachlichen Bezeichnung. Bei dem rein psychischen Vorgang war nach den ein
mal gegebenen Sprachgesetzen eine Urschöpfung wie bei den konkreten Dingen
nicht möglich. Wie half sich nun der Mensch? — Gleichwie neue Wahr
nehmungen durch einen schon in der Seele vorhandenen Vorstellungs- und Laut-
inhalt apperzipiert wurden, indem man nur das hervorstechendste Merkmal zur
Bildung des neuen Wortes hervorzogt) (z. B. Weidwerk eigentlich Werk d. i.
Beschäftigung zum Weiden d. i. zur Ernährung — von Weide = Nahrung
stammend), so zog der denkende Mensch Parallelen zwischen dem in ihm lebenden
geistigen Gebilde und der reichen Welt der Sinnlichkeit, die durch Natur und
Kultur an Ausdehnung zunahm. Der Vergleichungen gab es ja so viele. Nach
der Erfassung des Gleichartigen gab der Mensch den Namen für das konkrete
Ding auch dem abstrakten Begriff. Die Armut der Sprache drängte ihn förm
lich zu einer Übertragung eines konkreten Wortes auf den geisti
gen Vorgang. Es sollte z. B. der Vorgang des Sehens bezeichnet werden.
Unstreitig lag in dem Sehen das Moment des Versolgens mit den Augen.
Was lag näher, als sich des bekannten Wortes verfolgen (der Jäger verfolgt
das Wild, der Hirt das entlaufene Rind) zur Übertragung zu bedienen? Die
indogerm. Wurzel seq mit der Bedeutung folgen, verfolgen (vgl. lat. sequi)
bekam im Germanischen die Bedeutung „mit den Augen folgen", sehen vgl. got.
saihwan ahd. sehan mhd. sehen. So entstanden durch Bedeutungs
übertragung die Bezeichnungen für alle geistigen Vorgänge,
für alle abstrakten Begriffe. Das Abstraktum ist mithin nichts
anderes als ein Bild. Was der Mensch eben „mit den Sinnen nicht
ersaßt, was aber doch kräftig in seinem inneren Bewußtsein lebt, das zieht er
aus der Höhe des Denkens zu sich herab und verwandelt es in ein anschaulich
Bild."^) Es liegt auf der Hand, daß die reiche Vorstellungswelt der eigenen
und der erworbenen Kultur, die den Menschen täglich umgab und sein
ganzes Interesse gefangen nahm, in erster Linie zur Vergleichung und
Übertragung diente. In der Wahl des metaphorischen Ausdrucks prägte
sich eben ganz und gar die individuelle Verschiedenheit des Interesses aus. Das
Denken und Meinen, das Wollen und Streben, das Lachen und Weinen des
Volkes spiegelt sich in dem neuen Wortvorrat, und noch heute erzählt uns die
fl Diese durch die Sprache festgehaltene einseitige Beziehung der vielseitigen Sache
zum Menschen nennen wir die innere Sprachform (vgl. Lazarus, Das Leben der
Seele. Bd. II, S. 138), wodurch in erster Lime der Bedeutungswandel sich
erklärt.
fl Ohlert, Methodik des Sprachunterrichts. Hannover 1893. S. 120.

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