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Die neue deutsche Rechtschreibung.
neue Rechtschreibung nunmehr nicht nur in den Schulen, sondern überall
da, wo deutsche Zunge klingt, auch Gemeingut des deutschen Volkes werde."
(Sarrazin.)
Ob das aber zu hoffen steht? An Anzeichen dafür fehlt es nicht gänzlich.
So hat beispielsweise der Allg. deutsche Sprachverein auf seiner letzten Haupt
versammlung zu Straßburg i. E. die Bestimmung seiner Satzungen beseitigt,
welche die Frage der Rechtschreibung von der Thätigkeit des Vereins ausschloß,
weil nach dem von den Staatsbehörden unternommenen Schritte nun nicht mehr
die verschiedenen Richtungen als Nebenbuhler um die Herrschaft streiten, vielmehr
ein ruhiger Austausch der Meinungen zu erwarten steht. Und im letzten Jahres
bericht des Vereins wird der „hohen Freude" Ausdruck gegeben, „daß mit
Annahme der Vorschläge nunmehr für die Rechtschreibung des ganzen deutschen
Volkes die so lange ersehnte Einheitlichkeit — voraussichtlich bereits in kürzester
Frist — herbeigeführt wird."
5. Die Freunde der deutschen Sprache freuen sich auch über den deutschen
Zug, der durch die neuen Bestimmungen geht, so besonders über die erquickliche
Mahnung, Fremdwörter nach Kräften zu meiden oder sie nur in deutschem Ge
wände (und dann doch wohl auch in deutscher Aussprache) zu gebrauchen.
6. Aber auch in dem traurigsten Abschnitte unserer Rechtschreibung, in den
Bestimmungen über den Gebrauch des großen Anfangsbuchstaben leuchtet es an
einer Stelle aus wie ein fernes Licht. Der verheißungsvolle Schlußsatz lautet
nämlich: In zweifelhaften Fällen setze man kleine Aufangsbuchstaben!!! An
dieser Stelle wird einmal das Heil anbrechen. Dann wird man nicht mehr die
Zahl deutscher Schreibungen zu der Zahl der Schreibenden in Beziehung und
Vergleich bringen können, wenn auch zur Zeit noch das alte Schulkreuz auf
gerichtet bleibt, und noch manche blutige Schlacht in den Heften unserer Schüler
ausgefochten werden muß.
Uber den Zeitpunkt der Einführung der neuen Rechtschreibung ist folgende
Nachricht des Kultusministers an den Vorstand des Börsenvereins deutscher Buch
händler zu Leipzig gelangt:
„Zu meinem Bedauern läßt es sich zur Zeit noch nicht übersehen, ob die
mit den deutschen Regierungen eingeleiteten Verhandlungen über die Annahme
der in der Juni-Konferenz vereinbarten Regeln für die deutsche Rechtschreibung
so zeitig zum Abschluß gedeihen werden, daß die Einführung der neuen Recht
schreibung schon für Ostern 1902 in sichere Aussicht genommen werden kann.
Unter diesen Umständen wird dafür Sorge getragen werden, daß die Benutzung
von Lehrbüchern, die bis zur Bekanntgebung des Einführungstermins noch in
der bisherigen Rechtschreibung gedruckt sind, in den preußischen Schulen aus
nahmslos unbeanstandet bleibt."
Elberfeld. Gr.

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