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III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser.
Den Ausführungen mangelt hin und wieder die logische Klarheit. So wird be
hauptet, daß man eine Zeitlang die religiöse Unterweisung als Zweck der Schulerziehung
angesehen habe, später aber den gesamten Sprachunterricht, und endlich sei man unter
dem Einfluß des Herbartianismus auf die Idee verfallen, „daß die menschliche Seele
der Mittelpunkt sei, um den sich die ganze Erziehungsarbeit bewege." Wie kann man
nur den zuletzt genannten Begriff den beiden ersten nebenordnen? Hat denn die religiöse
Unterweisung nichts mit der Bildung der Seefl zu thun? Oder die Sprachbildung nicht?
Es finden sich auch einige wunderliche Exkurse in das Gebiet der spekulativen
Psychologie. „Die Seele ist eine selbständige, mit Keimen, Anlagen, Trieben, Kräften.
Neigungen und Abneigungen erfüllte, aus zwei, bezw. drei Welten stammende geistige
Substanz." „Sie ist gebildet sobald der Mensch geboren ist. Die Erziehung hat es
in gewisiem Sinn mit einer fertigen Seele zu thun, an welcher sie wesentlich nichts
ändern kann."
Einen heillosen Respekt hat der Vers. vor den Schulprüfungen. „Man hört,"
führt er aus, „zwar häufig die Phrase, der Lehrer brauche nicht auf die Prüfung
zu arbeiten. Das wird aber erst dann der Fall werden, wenn es keine Prüfungen mehr
giebt. Solang sie bestehen, und solang namentlich der Lehrer und seine Arbeit nach
dem Prüfungsergebnis beurteilt und behandelt werden, muß man auch für sie arbeiten."
Muß man? — Auch dann, wenn sie den Unterricht in ganz falsche Bahnen lenken? —
Wir wollen uns doch lieber an einen wertvolleren Gradmesser für die Arbeit des
Lehrers halten.
Den sogen. Realien ist der Vers. nicht recht hold. „Der eigentliche Realunterricht
ist eben ein Zwangsunterricht mit Aufgaben und Forderungen, hinter denen der Schul
stock als Garantiemacht steht." Allerdings — wenn lediglich für die Schulprüfungen
gearbeitet wird. „Überdies ist gerade der Realstoff die eigentliche Domäne der Ver
geßlichkeit der Schüler." Immer wieder, wenn für die Prüfungen gelernt wird.
Wer das Wesen der Poesie erfassen will, muß etwas tiefer greifen, als es der
Verfasser in seinem Buche thut.. Er schreibt z. B: „Einer erdichteten Erzählung fehlt
die sittliche Kraft, auch wenn sie noch so schön ist. Das Buch Hiob z. B- verliert selbst
bei Erwachsenen jeden sittlichen Wert, wenn man ihnen beibringt, es sei eine bloße
Dichtung." Den Sagen. Märchen und Fabeln verwehrt er zwar den Eingang ins Lese
buch nicht ganz, aber er läßt ihnen nur ein reckt schmales Pförtlein offen; dagegen
sind ihm „gute Gedichte in schönen Reimen" willkommen. „Die Kinder selbst geben
ihnen entschieden den Vorzug: sie sind auch behältlicher und prägen sich leichter und
tiefer ein. als die prosaisch geschriebenen Lesestoffe." Und bei Schulprüfungen lassen
sie sich prächtig deklamieren — könnte man noch hinzufügen.
Bezüglich der Anordnung des Stoffes wird geographische und chronologische Einheit
verlangt. Die Forderung ist ja durchaus berechtigt, aber das Wesentliche derselben ist
bereits in feiner Weise in dem Lesebuchwerk von Jütting und Weber (Neubearbeitung
von Lange) durchgeführt Es werden darin bekanntlich folgende Kreise gezogen: Wohnort,
Heimat, Vaterland, weite Welt.
Es soll übrigens nicht verkannt werden, daß in dem Buch auch manch treffendes
Wort zur Lesebuchfrage gesagt wird; als Ganzes aber steht es nicht auf der Höhe der
heutigen Entwicklung, obschon es auf dem Titel den Vermerk trägt: Gekrönte Preis
schrift. Möhn.
Matthias, Dr. Theod., Vollständiges kurzgefaßtes Wörterbuch der deutschen Recht
schreibung mit zahlreichen Fremdwortoerdeutschungen und Angaben über Herkunst,
Bedeutung und Fügung der Wörter. Leipzig, Max Hesse. 356 S. 1,20 M-,
geb. 1,50 M.
Zu den amtlichen Wörterverzeichnissen für Rechtschreibung für Preußen, Bayern,
Württemberg, Baden und Sachsen sind nach und nach noch andere Hülfsmittel ge
treten, von denen das von K. Duden zwar nicht den größten Umfang, aber dem An
schein nach doch die größte Verbreitung gefunden hat. Ihnen gesellt sich nun das
vorgenannte Buch zu. Sagen wir kurz, was in ihm zu finden ist. Zunächst giebt es
Bemerkungen über Fallbiegung, Biegung des Zeitworts, über große und kleine Anfangs
buchstaben, Silbentrennung, Bindestrich und Auslassungszeichen. Das Wörterverzeichnis
ist hinreichend ausgedehnt, enthält auch Wörter aus Mundarten. Stimmen die amt
lichen Verzeichnisse überein, so ist nur diese Form übernommen. Wo wirkliche Ver
schiedenheiten bestehen, sind sie vermerkt, wo der Verf. abweicht, sucht er in Fußnoten

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