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I. Abteilung. Abhandlungen.
der Unterricht ihm nichts Andres zu bieten wüßte. Da tritt nun zu dem einfach
darbietenden Unterricht der darstellende hinzu, der dem Kinde plastisch-anschauliche
Einzelbilder vorführt. Da macht es im Geist eine Fahrt auf dem Rhein, es
nimmt teil an der Traubenlese, es steigt hinauf zum Niederwald und steht ehr
fürchtig vor dem Kölner Dom. Dabei bieten sich ihm die Bilder der Heimat
fortgesetzt zum Vergleich an, und gute Abbildungen berichtigen nötigenfalls, wo
noch etwas unklar geblieben ist. In dieser Weise schreitet es dann immer weiter
hinaus in die Ferne; „es steigt im Geist bis zu den höchsten Alpengipfeln empor,
indem es seine heimatlichen Berge so und so viel Mal aufeinander setzt, es erweitert
die ihm bekannten Teiche zu großen Seen und Meeren und wandert mit der Vor
stellung seiner heimatlichen Winterlandschaft hinein in die Eisregionen des Nordpols."
In der Geschichte liegt der Fall nicht anders. Ich kann dem Kinde eine
vollkommen klare Übersicht geben über den ganzen Verlauf des französischen Krieges
meinetwegen, ihm die Stellung und Aufgabe der verschiedenen Armeen durch
Skizzen und Karten vor Augen führen und ihm die Schlachten an den Fingern
herzählen. Das alles ist doch nur ein Gerippe, und der Schüler kann vollkommen
gleichgiltig dabei bleiben, wenn ich es versäume, ihm anschauliche Einzelbilder vom
Kriegsschauplatz vorzuführen, wie sie uns beispielsweise die Fröschweiler Chronik,
Rindfleischs Feldbriefe u. ä. Bücher bieten.
In beiden Fällen also lernten wir den darstellenden Unterricht als eine be
sonders wirkungsvolle Form der Darbietung des Neuen kennen. Verständige
Mütter und einsichtsvolle Lehrer haben von jeher von dieser Art und Weise des
Unterrichts fleißigen Gebrauch gemacht. Herbart hat ihn dann unter dem Namen
„bloß darstellender" Unterricht neben dem analytischen und synthetischen Unterricht
in sein pädagogisches Lehrgebäude eingegliedert, und Ziller hat ihn schließlich im
Verein mit seinen Schülern in Theorie und Praxis weiter ausgestaltet und in
wesentlichen Stücken auch umgebildet.
Bei Herbart und Ziller suchen wir also weiteren Aufschluß, wenn wiv nun
auf die Einzelheiten des darstellenden Unterrichts genauer eingehen x ), Vorher
aber darf ich vielleicht noch ein paar Beispiele aus der schönen Litteratur als
Anschauungsobjekte hinstellen, die die vorläufige Orientierung erleichtern und auf
die wir bei Mißverständnissen nötigenfalls zurückgreifen können.
Vielen von Ihnen wird „Friedesinchens Lebenslauf" von Sohnrey bekannt
sein. Da erählt uns der Dichter u. a. auch von dem ersten Kirchgang seiner
kleinen Freundin^). Der Pfarrer predigte über den Jüngling zu Nain.
0 Vergl. zu diesem Abschnitt Lindes treffliches Buch „Der darstellende Unterricht
nach den Grundsätzen der Herbart-Zillerschen Schule und vom Standpunkte des Nicht-
Herbartianers." (Leipzig, 1899.)
2 ) Ich habe auf die kleine Episode gelegentlich einer Buchbesprechung schon einmal
in diesen Blättern hingewiesen; man möge es verzeihen, wenn ich noch mal darauf
zurückkomme; gerade dies Beispiel erschien mir besonders charakteristisch.

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