Über darstellenden Unterricht.
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andrer Schüler beibringt. Ich verweise hier auf das vorhin angeführte Beispiel
aus „Friedesinchen" und möchte zur weitern Erhärtung auch Herbart selbst noch
einmal zu Worte kommen lasten. An einer besonders schönen Stelle ruft er im
Hinblick auf den darstellenden Unterricht einmal aus:
„Da strömt aus voller Seele eine Fülle des Unterrichts, die der Fülle der
Erfahrung sich vergleichen darf. Dann gibt das bewegte Gemüt auch dem Hörer
freie Bewegung, und in dem weiten, faltenreichen Gewände solcher Lehrart ist
Raum für tausend Nebengedanken, ohne daß das Wesentliche dabei an seiner reinen
Form verlöre. Abwesende, historische, poetische Personen müssen Leben erhalten
von dem Leben des Lehrers. Er fange nur an; bald wird auch der Jüngling,
ja der Knabe, mit seiner Einbildung beitragen, und oft werden beide miteinander
in großer gewählter Gesellschaft sein, ohne eines Dritten zu bedürfen."
Eine derartige innere Hingabe an die Darstellung des Lehrers, ein gänzliches
Versenken in den neuen Gegenstand ist natürlich bei Zillers Lehrweise nicht möglich.
Bei dem stückweisen Erarbeiten, das er fordert, findet ein fortwährender Wechsel
von Analyse und Synthese statt, ein ruheloses Wandern vom Neuen zum Alten
und umgekehrt, sodaß von einem Nachahmen der Erfahrung, von einer Darstellung,
bei der der Schüler zu sehen glaubt, hier durchaus nicht mehr die Rede sein kann.
Der Zweck ist eben unversehens der vermeintlich besteren Form geopfert. Und
damit hängt nun wieder etwas sehr Wichtiges aufs innigste zusammen: das ist
die Gemütsbeteiligung des Schülers. Sie ist bei jenem konstruierenden Verfahren
so gut wie ausgeschlossen. Auch darauf ist aus Ziller nahestehenden Kreisen
wiederholt hingewiesen worden. So spricht Dörpfeld einmal sehr treffend von
Momenten gehobener Stimmung im Verlauf der Handlung, wo das Gemüt ein
hincintastendes Fragen nicht erträgt und wo dann das Erzählen des Lehrers und
das Lauschen der Schüler das allein Richtige ist." Und ebenso redet Foltz von
„Stoffen, bei deren Behandlung es sich geziemt, daß der Zögling andächtig ver
nehme und dem unmittelbaren Eindruck des Vernommenen sich hingebe."
Wenn ich nun aus unsern letzten Erörterungen das Fazit ziehe, so möchte
ich sagen, daß Herbart mehr das gemütvolle Erfassen des Neuen
anstrebt, während Ziller mehr auf ein denkendes Erschließen
hinarbeitet und zwar nicht selten mit einer derartigen Ausschließlichkeit, daß
höhere Zwecke darunter leiden. Von beiden Formen mag der Unterricht an rechter
Stelle Gebrauch machen, und so möchte ich denn Zillers Verfahren nicht durchaus
ablehnen, wohl aber seine Anwendung in zweifacher Hinsicht eingeschränkt wissen.
Zunächst scheint mir das entwickelnd-darstellende Verfahren mehr
im Sachunterricht als im Gesinnungsunterricht am Platze zu sein,
mehr in den beschreibenden als in den erzählenden Fächern.
Sodann möchte ich sagen, daß es in erster Linie den späteren Schul
jahren zuzuweisen sein wird, wo man dem Nachdenken und Kombinieren
der Schüler schon mehr zutrauen kann und wo auch ihre Sprachgewandtheit schon

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