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I. Abteilung. Abhandlungen.
so viel größer ist. Aber auch hier setzt diese Lehrweise einen geschickten und
erfahrenen Lehrer voraus. Am natürlichsten wird sich das Verhältnis zwischen
beiden Unterrichtsformen da entwickeln, wo der Lehrer an den spontanen Äußerungen
der Kinder während seines Vortrags einen Gradmesser hat, wieweit er sie auch
äußerlich ungezwungen zur Mitarbeit heranziehen darf. Es kann sich hier ja
überhaupt nicht darum handeln, allgemein verbindliche Regeln aufzustellen, sondern
es muß innerhalb gewisser Grenzen vieles dem persönlichen Takt und der Eigenart
des Lehrenden überlassen bleiben. Nur das müssen wir im Auge behalten, daß
es Herbart bei seiner Empfehlung des darstellenden Unterrichts in erster Linie
darauf ankam, den Schüler zum inneren Schauen zu bringen und ihn dadurch
womöglich auch im Gemüt zu erfassen. Unter diesem obersten Gesichtspunkt hätten
wir nun zum Schluß noch die Frage zu erörtern, wie sich jene allgemeinen
Weisungen zur Praxis der Volksschule anwenden lassen. Da möchte ich mich nun
auf einige Andeutungen und Richtlinien beschränken und im übrigen das Beste von
der Debatte erwarten.
Fassen wir zunächst die erzählenden Fächer ins Auge, so liegt der Fall wohl
am einfachsten in der Profangeschichte, weil hier der Lehrer frei darstellen
kann, während er sich ja in der biblischen Geschichte an eine bestimmte Vorlage
zu halten hat. Im Geschichtsunterricht wird also der darstellende Unterricht die
einfach lehrhafte Darbietung möglichst oft an besonders dazu geeigneten Stellen
ablösen. Es handelt sich hier ja im wesentlichen nur um eine möglichst anschauliche
Ausmalung der einzelnen Begebenheiten, und hier werden dann geeignete Quellen
stücke und poetische Darstellungen die besten Dienste tun. Wie derartige Begleit-
stoffe im einzelnen unterrichtlich zu verwerten sind, das muß natürlich von Fall
zu Fall aus allgemein-didaktischen Erwägungen heraus festgestellt werden.
Im biblischen Geschichtsunterricht sind wir an einen bestimmten Text
gebunden. Da können nun wieder zwei Fälle eintreten. Entweder ist die Ge
schichte in der Bibel selbst schon so anschaulich ausführlich dargestellt, daß keine
andre Darstellung wirkungsvoller sein könnte, oder der Text gibt uns nur eine
kurze, zusammengedrängte Darstellung, wie das ja sehr häufig der Fall ist. Da
kann man dann ältere Kinder wohl veranlassen, gewissermaßen zwischen den Zeilen
zu lesen und sich die betreffende Erzählung selbst weiter auszumalen und zu ver
deutlichen; für die Kleinen aber wird der Lehrer diese Erweiterung m. E. am
besten selbst vornehmen. Wenn z. B. die Geschichte von Jesus dem Kinder
freund im ersten Schuljahr zu betrachten wäre, so würde hier eine bloße Text
darbietung so ziemlich ohne jede tiefere Einwirkung auf die Kinder bleiben; über
eine rohe Totalauffassung würde das Kind hier kaum hinauskommen. Darum ist
es hier nach meiner Ansicht durchaus geboten, die Geschichte erst einmal in freier
Weise so anschaulich und ausführlich darzustellen, daß das Kind wirklich zu sehen
glaubt. Natürlich ist der Lehrer dabei durchaus an seine Vorlage gebunden

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