106 I. Abteilung. Abhandlungen.
ein Buch, das allen Anforderungen nach dieser Richtung hin durchaus
gerecht wird.
Wie aber ist's im naturkundlichen Unterricht? Da muß ich zunächst
auf eine psychologische Tatsache hinweisen, die uns allen zur Genüge bekannt ist.
Es ist das, was Lazarus in seinem „Leben der Seele" die symbolische Apperzeption
nennt. Da tritt zu der ersten nüchternen Beobachtung des Objekts gleichsam eine
zweite, höhere Auffassung hinzu, eine gemütvolle Betrachtung, die der des Dichters
verwandt ist. „Es gehört zur Gesundheit des Geistes," sagt Ziller einmal,
„daß man jetzt des freien Fluges der Phantasie fähig ist, dann aber auch an
die objektive Natur der Dinge sich durchaus gebunden fühlt und sich ihr ohne
Widerstreben unterwirft." Und darum muß der Zögling „nicht bloß mehr sehen,
mehr beobachten, er muß auch im Umgang mehr erleben. Es müssen die Be
rührungen mit den Einzelwesen, selbst in der Tierwelt vermehrt, ihren Zuständen
muß eine lebendige Teilnahme gewidmet, durch Hereinziehen der Pflanzenwelt
mittelst der Phantasie müssen die beseelten Kreise erweitert werden." Die Einführung
in diese Phantasiewelt möchte ich deshalb auch dem darstellenden Unterricht zu
weisen. Da wird der Hahn zum stolzen Krieger, der Spatz zum frechen Gassen
jungen, das Häslein erzählt seine Lebensgeschichte und das Wassertröpfchen begibt
sich auf die Wanderschaft. Da heißt es auch die Dinge draußen in der Natur
nicht bloß dem Auge, sondern auch dem Herzen der Kinder näher zu bringen,
und da müssen wir beim Kinde selbst, beim Volk und beim Dichter in die Schule
gehen, um nach einem bekannten Worte Roseggers „die Schulmeisterei" zu lernen."
Und damit müssen denn gerade wir Lehrer der Unterklasse einmal Ernst
machen, damit den Kindern ihre naive Empfänglichkeit und Frische, ihre Redelust
und Gestaltungsfreudigkeit erhalten bleibe und sich übertrage auch auf die Gegen
stände des Schulunterrichts. Es ist eine alte, oft wiederholte Klage, daß das
Kind in seiner innern Entwicklung durch den ersten Schulunterricht nicht gefördert,
sondern geradezu gehemmt wird, daß wir die Kinder als Originale aufnehmen
und als Schablonenmenschen wieder abgeben. Äußerlich macht das Kind freilich
gerade in den ersten Jahren mancherlei bemerkenswerte Fortschritte, und die Eltern
wissen nicht selten dem Lehrer ein Loblied davon zu singen. Aber das soll uns doch
nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß wir gerade hier unten noch zu viel
Fertigkeits- und zu wenig Erziehungsschule haben, daß wir die Kinder doch vielfach
nur rein äußerlich ersassen und ihnen innerlich ganz fremd bleiben mit unserm
Unterricht. „Der Gedankenkreis der Schule," sagt Rudolf Hildebrand einmal,
„der von oben kommt, ist mit dem Gedankenkreis des Kindes, der sich von unten
nährt, nicht vermittelt und vermählt worden." Und so ist's. Man macht die
sonderbare Entdeckung, daß das Kind sich in der Schule ganz anders gibt als
sonst. Man hat es eben nicht zur Mitarbeit gewonnen, es hält sein Bestes
zurück. Und wenn es sich einmal einen Mut faßt und dem Lehrer etwas von

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