Dispositionsschwankungen bei Kindern.
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seinem Eignen mitteilen möchte, dann stellt der kurz und bündig fest, daß das
„gar nicht hierhin gehört." Er will eben die Unterrichtsergebnisse möglichst
objektiv herausdestillieren, und da kann er solche subjektiven Beimengungen nicht
gebrauchen. Das merkt sich das Kind natürlich sehr bald. Macht es nun
obendrein noch die Entdeckung, daß es eigentlich noch gar nicht sprechen gelernt
hat, daß der Herr Lehrer sich jedesmal entsetzt, wenn es in seinem Eifer
etwas hervorsprudelt oder herauswürgt, und daß er nun mit gestrenger Miene
an jedem Satz etwas zu verbessern hat, wo es von der Mutter doch ganz gut
verstanden wurde: dann zieht es sich eben in sich selbst zurück und setzt dem
Unverstand des Lehrers nun seinerseits Gleichgiltigkeit entgegen. Damit ist man
dann zuächst an dem toten Punkt angekommen. Nun legt der Lehrer den Stoff
vor, und die Kinder müssen ihn aufnehmen, ob sie mögen oder nicht.
In diesem Übelstand sehe ich persönlich einen der Hauptschäden des ersten
und vielfach auch des ganzen nachfolgenden Unterrichts. Die Kinder betrachten
die Schule nach und nach als einen Ort, wo man vieles nicht sagen darf und
manches besser für sich behält, statt daß sie sich frisch und frei äußern, wie's
ihnen ums Herz ist und wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wir führen so
gern das Wort im Munde: Nicht für die Schule, sondern fürs Leben! Möchten
wir uns dabei doch immer dessen bewußt bleiben, daß wir fürs Leben nur
lernen durchs Leben. Erst wenn die Kinder frisch und frei alles mit hinein
tragen in den Unterricht, was ihnen das Leben an Bildungsstoffen bietet, wenn
sie die Fäden von beiden Seiten wie Kette und Einschlag mit einander verweben
zu einem geschlossenen Ganzen, erst dann wird auch eine Unterrichtsform ihre
rechte Wirkung tun, die bemüht ist, das Leben und die Erfahrung nachzuahmen.
Dann werden wir auch mehr und mehr zu unsererBefriedigung spüren, was Pestalozzi einst
voller Freude von seinen Waisenkindern schrieb: „Es entwickelte sich in ihnen ein
Bewußtsein von Kräften, die sie nicht kannten. Sie fühlten sich selbst, und die
Mühseligkeit der gewöhnlichen Schulstimmung schwand wie ein Gespenst aus meinen
Schulstuben. Sie wollten — konnten — harrten aus, vollendeten und lachten."
DispositionSschrvankungen bei Lindern.
von Arno 8ucks.
In einem Briefe vom Jahre 1797 schreibt Goethe an Schiller: „Ich bin
so außer Stimmung, daß ich heute sogar meine Prosa bald schließen muß."
Diese Selbstbeobachtung beweist, daß Goethe nicht jederzeit gleich-genial und
gleich-kräftig zu erfinden und zu schaffen vermochte. Und wie Goethe, so haben alle
Künstler, Gelehrten und Dichter ihr Schaffen von ihrer Stimmung abhängig ge

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