Zum neuen Jahre.
11
Infektionskrankheiten lange über die eigentliche Rekonvaleszenz hinaus in dem
physischen und psychischen Habitus des Kindes hinterlassen, begreift man den Ver
stoß gegen die Hygiene, der in dem überstürzten Nachholen und Nacharbeiten
liegt." Nachhilfestunden müssen schon deshalb bedenklich erscheinen, weil es dock
sehr fraglich ist, ob man die Zurückgebliebenen noch über die normale Unterrichts
zeit hinaus beschäftigen darf. Wahrscheinlich bewirkt schon die Ermüdung geringen
Erfolg. Hanke-Görlitz sagt: „Nachhilfestunden für Schwache sind geradezu
schädlich, etwa wie erhöhte Nahrungszufuhr für Magenkranke."
Dr. Moses faßt sein Urteil dahin zusammen: „In dem üblichen ein
heitlichen Schulorganismus bleibt die kardinale hygienische
Forderung der Berücksichtigung der Individualität unerfüllt.
Der einheitlich zugeschnittene Lehrplan und Lehrgang wird
auch ausgedehnt auf die große Zahl der vorübergehend oder
dauernd infolge physiologischer, psychologischer, pathologischer
oder sozialer Bedingtheiten minderwertigen Kinder."
Das ist, wie Trüper seinerzeit sagte, die Bankrotterklärung des Schul-
kasernismus.
Dr. Sickinger sagt, so relativ leicht die Berücksichtigung der Schüler
individualität im Einzelunterricht sei, so schwer sei der Forderung im Massen
unterricht zu genügen. „Die Volksschule ist bekanntermaßen nicht in der Lage,
minder tüchtige Elemente zurückzuweisen oder vor erfüllter Schulpflicht aus
zuscheiden, sie muß vielmehr alle — mit Ausnahme völlig Bildungsunfähiger —
behalten und soll die Gesamtheit ihrer Schutzbefohlenen in streng abgegrenztem
zeitlichem Rahmen zur Arbeitstüchtigkeit erziehen."
Wenn die höhere Schule auch dadurch im Vorteil ist, daß sie unbefähigte
Schüler zurückweisen kann und die Entlassung nicht mit einem bestimmten Alter
zu erfolgen hat und sie auch sonst noch manche der Volksschule abgehende Ver
günstigungen besitzt, so befindet sie sich doch in ähnlicher Verlegenheit, da auch
sie verschiedener Beanlagung, verschiedenen Interessen gerecht werden muß. So
lange das Gymnasium noch das Monopol hatte, erreichte x /4 bis x /s der ein
getretenen Schüler das Ziel der Anstalt, die große Mehrzahl mußte mit einer
„verkümmerten und verkrüppelten" Bildung abgehen. Auch die nicht einem ge
lehrten Berufe sich widmen wollten, sahen sich der damit verbundenen Vorteile
wegen auf den Besuch des Gymnasiums angewiesen. Nun hat man mit der
Teilung der dem höheren Unterricht gesetzten Aufgabe auf verschiedene Schulen
statt „jedem dasselbe" „jedem das Seine" zu geben sich bemüht, für die ver
schiedene Beanlagung, die verschiedenen Ziele und Interessen verschiedene Schulen
gegründet.
Was hat nun die Volksschule getan, und was kann sie noch tun, um der
Forderung der Berücksichtigung der Individualität gerecht zu werden?

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.