110 I. Abteilung. Abhandlungen.
ohne Einfluß sind auf die unterrichtlichen und erziehlichen
Erfolge.
In dem „Jahrhundert des Kindes" ist es ein bekanntes Wort, die Be-
obachtungeu der Kindesseele als das interessanteste Studium zu bezeichnen. Jeder
fein empfindende Gebildete wird diesem Gedanken zustimmen und sich mit Ver
gnügen der Beobachtungen entsinnen, die er im Verkehr mit Kindern sammeln
konnte. Der Pädagoge von Beruf jedoch, dem nicht nur die Aufgabe gestellt
ist, psychologischer Beobachter zu sein, sondern auch Erzieher und Lehrer, darf
die Beobachtung der Kindesseele nicht von der interessanten Seite allein betrachten,
sondern muß stets ihren praktischen Wert ins Auge fassen; er läuft sonst Gefahr,
sich mit seinen interessanten psychologischen Exkursionen so weit von der elementaren
Praxis der täglich anzuwendenden Erziehungskunst zu entfernen, daß er von
seinem Studium niehr Schaden als Nutzen gewinnt für seinen Beruf.
Dieser Abstand zwischen dem Interessanten und Praktisch-Verwendbaren,
zwischen den Studien der theoretischen Psychologie und der für die pädagogische
Praxis unmittelbar verwertbaren psychologischen Beobachtung, ist seit einigen
Jahrzehnten auf dem Gebiete der Schulpädagogik immer deutlicher empfunden
worden. In höheren und niederen Schulen wurden auf Grund der praktischen
Erfahrung Veränderungen der bestehenden unterrichtlichen und erzieherischen
Gepflogenheiten, z. B. des Stundenplanes, der Pausen- und der Ferienordnung,
der Prüfungen rc., für notwendig erachtet; der Beweis für diese Notwendigkeit
war aber nicht direkt zu stützen mit den wissenschaftlichen Resultaten unserer
bedeutendsten Psychologen, eines Helmholtz, Fechner, Wundt u. a. Somit sa^
sich die Schulpädagogik veranlaßt, selbst unumstößliche Beweise für ihre Forderungen
zu schaffen. Die exakten Resultate der physiologischen Psychologie gaben diesem
Bestreben die Richtung. Die experimentelle Untersuchung in der
Schule ward der Ausgangspunkt für eine stattliche Reihe geistreich erfundener
Methoden, das Wesen der kindlichen Psyche in seinen Einzeläußerungen zu fassen
und zahlenmäßig exakt zu kontrollieren. Teils unter Leitung des Psychiaters
Kräpelin, teils in selbständiger Forscherarbeit versuchten Pädagogen und
Mediziner, eine Prüfung der geistigen Fähigkeiten des Kindes vorzunehmen, das
psychische Tempo und die psychische Energie im Verlauf der Tages- und Jahres
zeiten zu fixieren und endlich sogar Zweifel über Unterrichtsmethoden durch das
didaktische Experiment zu beseitigen. Die Erinnerung an die Arbeiten Kräpelins,
Lasers, Burgersteins, Griesbachs, Kemsies', Friedrichs,
Ebbinghaus' und Lays, sowie an die umfangreichen Untersuchungen von
Stanley Hall, ist noch zu frisch, als daß es notwendig wäre, die Methode
und die Resultate jedes einzelnen zu charakterisieren; nicht minder lebhaft in
Erinnerung stehen aber wohl auch die heftigen Angriffe, die diese Schulpsychologen
erfuhren, sobald sie, gestützt aus ihre experimentellen Resultate, Änderungen im

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