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X. Abteilung. Abhandlungen.
Es leuchtet ein, daß die normalen Schwankungen der Leistungsfähigkeit
abnorme Veränderungen erleiden werden, sobald zu den normalen Ursachen
anormale hinzutreten. Anormale Schwankungen zu verspüren, ist nun
jedem Lehrer oft Gelegenheit geboten, aber nicht nur in der intellektuellen
Leistungsfähigkeit, der psychischen Energie und dem psychischen Rhythmus, so.ndern —
und das ist der Punkt, den die experimentelle Untersuchung
bisher ganz ausgeschaltet hat — auch in dem körperlichen Be
finden, dem Verhalten und Betragen des Kindes.
Der Großstadtlehrer beobachtet bei seiner Tätigkeit, die ihre Regelung er
fährt durch des Stundenplans gleichgestellte Uhr, an verschiedenen Tagen und
zu verschiedenen Zeiten oft ein nicht erkennbaren Ursachen entspringendes Schwanken
der Intensität und der Resultate seines Unterrichts und seiner Erziehung. Trotz
gleich sorgfältiger Vorbereitung und anscheinend gleichen äußeren Bedingungen
gelingt es nicht immer, in zwei entsprechenden Stunden, bei entsprechenden Ge
legenheiten übereinstimmende oder ähnlich weitgehende Erfolge zu erzielen. Der
Lehrer empfindet z. B. schon während des Unterrichts, daß der Unterrichtsgang
schwerfälliger ist, als sonst, daß sich Wiederholungen und Erklärungen nötig
machen, die sonst sicher und selbständig erfaßt werden, daß sich eine allgemeine
Schlaffheit der Kinder durch kein Zuchtmittel heben läßt und es ihm unmöglich
ist, die Gesamtheit der kindlichen Geister durch spontane Aufmerksamkeit unter
seine Gewalt zu bringen; oder er beobachtet, daß trotz anscheinend leichterer
Unterrichtsarbeit der Schlußerfolg die Erwartung täuscht. Sucht er die Ursache
der beobachteten Unregelmäßigkeit zuerst bei sich selbst, so kommt er zu dem Er
gebnis, daß seine persönliche Disposition zu seiner Unterrichts- und
Erziehungsarbeit in einer bestimmten Stunde und in einem bestimmten Fache
von ungewöhnlicher Bedeutung ist für den Erfolg seiner
Arbeit, daß er aber durch Selbstzucht zu einem Ausgleich der persönlichen Ver
fassungen kommen kann, je nach Alter, Gesundheit und gewohnter Selbstbeherrschung.
Die nächste Ursache aber ist darin zu erkennen, daß die Disposition
der Großstadtschüler zu bestimmten Geistesleistungen an ver
schiedenen Tagen und zu verschiedenen Zeiten verschieden ist.
Unter den Wochentagen ist in großen und wahrscheinlich auch in mittleren
Städten der Montag für eine erfolgreiche Belehrung der ungünstigste. In
den Berliner Gemeindeschulen ist dieses Verhältnis der „Montage" zu den
übrigen Tagen der Woche zu verschiedenen Zeiten zwar verschieden, aber zu
gleichen Zeiten ein übereinstimmend ungünstiges. Dieser Umstand deutet darauf
hin, daß die Ursachen der Erscheinung im Durchschnitt die gleichen sein müssen.
Bei näherer Beobachtung lassen sich die Ursachen in die eine zusammenfassen, daß
für die Berliner Gemeindeschüler der Sonntag im Durchschnitt nicht ein Tag
der Erholung, sondern der Überanstrengung, des Unmaßes oder des verkehrten

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