Dispositionsschwankungen bei Kindern.
113
Genusses ist. Im einzelnen läßt sich in jeder Gemeindeschulklasse, die sich am
Montag durch ein auffallend geringes Aufgelegtsein zum Unterricht, also durch
eine die Unterrichts- und Erziehungsarbeit nachteilig beeinflussende Disposition
auszeichnet, feststellen: x )
1. daß für die Mehrzahl der Kinder die Nachtruhe vom Sonntag zum
Montag zu spät, erst gegen elf, zwölf, ja erst nach zwölf Uhr nachts begann;
2. daß ein nicht geringer Prozentsatz der Schüler l' 1 /* bis 2 Stunden vor
Schulanfang die Nachtruhe beendigen mußte, um Gänge zu besorgen oder
Stellen zu versehen;
3. daß für die Mehrzahl der Kinder die Sonntagserholung nicht in einem
Körper und Geist erfrischenden Spaziergange, sondern im Spielen auf dem Hof,
im andauernden Verweilen in der Wohnung oder endlich im stundenlang
währenden Aufenthalt in großen Volksgärten bestand, wobei ein Unmaß im
Naschen, Essen, Trinken, Schaukeln und Karussellfahren wohl für eine Über
anstrengung, aber nicht für eine Erholung sorgte;
4. daß ein erstaunlich hoher Prozentsatz der Kinder am Sonn- oder Fest
tage Bier oder Alkohol in anderer Form genossen hat.
Kein Tag der Woche zeichnet sich durch eine ähnliche Reichhaltigkeit kindlicher
Vergnügungen aus, wie der Sonntag oder Festtag. Am darauffolgenden
Montage sind die Folgen nur zu deutlich zu spüren. Die Überanstrengungen in
der Erholung haben einige Schüler so mitgenommen, daß sie entweder dem
Unterricht fern bleiben oder während desselben an einer Magenverstimmung
erkranken. Sieht man von diesen Kindern ab, so bleibt noch eine große Zahl,
die die Freuden des vergangenen Tages mit einer unüberwindbaren Müdigkeit
bezahlt. Diese Kinder sind schlaff und matt in Haltung und im Denken, sind
energielos, können sich nicht konzentrieren und fertigen in der Regel Probearbeiten
schlechter an, als an anderen Wochentagen, sodaß sich an verschiedenen Schulen
Berlins, als die Versetzungsprüfungen noch in vollem Umfange abgehalten
wurden, stillschweigend die Praxis herausgebildet hatte, an Montagen mit der
Prüfung nicht zu beginnen. An solchen Montagen kann es geschehen, daß oft
ein großer Aufwand an pädagogischer Kunst nur eine geringe geistige Förderung
der Kinder erzielt, während an günstigeren Tagen ein einfaches, an pädagogischen
Fehlern vielleicht reiches Verfahren spielend Herr der Geister wird.
i) Trotz aller angewandten Vorsicht sind die Angaben der Kinder bei diesen Fest
stellungen unzuverlässig; die gefundenen Prozentzahlen können also nicht als absolute
gelten, und nur die bei den verschiedenen Fesfftellungen gewonnene gleiche Tendenz
der Prozentwerte hat Bedeutung. Ich unterlasse es daher absichtlich, hier genaue
Prozentangaben zu veröffentlichen, und begnüge mich damit, die von mir in verschiedenen
Berliner Volksschul- und Nebenklassen jahrelang systematisch gesammelten Prozentsätze
als außerordentlich hoch zu bezeichnen.
9

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.