114
I. Abteilung. Abhandlungen.
Überschaut man die Tage des Jahres, so erkennt man, daß auch noch längere
Zeitperioden andauernd Höhepunkte übermäßigen Vergnügens und entsprechende
Dispositionstiefpunkte in der Schule bieten. In den Zeiten der Eisfeste,
der Maskenbälle und der Erntefeste werden seitens vieler großstädtischer
Familien Belustigungen aller Art ohne Maß und Ziel genossen, und in diesen
Zeiten ist die Disposition vieler Volksschüler wochenlang eine für die Schul
arbeit nicht besonders günstige.
Der Großstadtlehrer beobachtet also, daß die Leistungsfähigkeit
des Großstadtkindes infolge großstädtischer Ursachen viel be
deutenderen Schwankungen ausgesetzt ist, als die des Land-
und Kleinstadtkindes. Er beobachtet aber auch, daß die Mehrzahl der
normalen Schüler die Tiefpunkte der Stimmung oder Disposition rasch ver
windet, wenn auch im stillen zu befürchten ist, daß das Zehren von dem
Kapital an Nervenkraft doch einmal bei einigen Kindern mit einem Bankerott
endigen wird.
In Normalschulen lassen auch die ersten Schultage nach längeren
Ferien den spezifischen Montagscharakter erkennen. Die Zügelung der bisher
genosienen Freiheit, der Zwang zu einer streng geregelten Tätigkeit und einem
disziplinierten Verhalten bedrücken eine Zeitlang das Kindergemüt, und zwar
stärker oder schwächer je nach der Eigenart der Naturen; der psychische Mechanis
mus setzt wohl auch an sich der bestimmt gerichteten geistigen Arbeit einigen
Widerstand entgegen und fordert Zeit und Kraft, um sich wieder geläufig in
den gewohnten Bahnen zu bewegen.
In beiden Fällen, sowohl an den „Montagen", als an den ersten Schul
tagen nach den Ferien, ist die Unstimmung der Schüler einer großstädtischen
Normalklaffe eine Allgemeinerscheinung und darum für die pädagogische Tätigkeit
des Lehrers, seine Arbeit und seine Erfolge, von größerer Bedeutung als die
bei einzelnen Kindern zu beobachtenden Indispositionen. Diese
letzteren, welche Gang und Intensität des Unterrichts in weit geringerem Maße
beeinflussen, dagegen hohe Anforderungen an die individualisierende Beobachtung,
Belehrung und Erziehung stellen, zeigen sich bei Kindern, die krank werden, krank
gewesen sind, die sich durch häusliche Feste (Geburtstagsfeiern rc.) im Genuß
überanstrengt haben und mit außerordentlichen Ereignissen des Elternhauses oder
der Schule beschäftigt sind; in höheren Schulen vor und nach Prüfungen, nach
Zeiten der Überarbeitung, während der zweiten körperlichen Entwicklungsperiode
(im 12.—15. Lebensjahre) und ihren zum Teil regelmäßig wiederkehrenden
Folgewirkungen.
Wenn die Erscheinungen der Dispositionsschwankung bei dem normalen
Kinde im Durchschnitt auch zu den Seltenheiten gehören, so ist es doch Pflicht
des Lehrers und Erziehers, die anvertrauten Schüler auf ihre Disposition genau

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.